• Bedeutender DDR-Künstler: Der Bildhauer Wieland Förster wird 90

Bedeutender DDR-Künstler : Der Bildhauer Wieland Förster wird 90

Er schuf die Skulpturen "Nike 89" und "Das Opfer", die in Potsdam zu sehen sind. Wieland Förster ist einer der wichtigsten ostdeutschen Bildhauer.

Uwe Stiehler
Der Bildhauer Wieland Förster  - hier im Jahr 2005 - hat das Potsdamer Stadtbild mitgeprägt. 
Der Bildhauer Wieland Förster  - hier im Jahr 2005 - hat das Potsdamer Stadtbild mitgeprägt. Foto: Daniel Karmann dpa/lbn

Potsdam - Wann endet eine Kindheit? Mit dem ersten Kuss? Dem ersten Bier? Wieland Försters Kindheit endet am 7. Oktober 1944. So protokolliert er es in seiner Autobiografie „Seerosenteich“. An diesem Tag fliegen die Alliierten seine Heimatstadt Dresden zum zweiten Mal mit ihren Bombern an. Der 14-jährige Luftwaffenhelfer wird bei diesem Angriff über Treppen und Beton geschleudert.

Wieland Förster, dessen Kunstwerke sich auch in Potsdams Stadtbild finden, soll Tote bergen, Verschütteten helfen und sieht: verbrannte Schulkinder, Leichen jeden Alters, Zerquetschte und Verwundete. In einem Bombenloch, in das das Wasser einer geplatzten Hauptleitung schießt, schwimmen ihm die Körperfetzen eines Polizisten entgegen. Wieland Förster ist in dem Moment nicht mehr in Dresden, nicht mehr unter panisch schreienden Menschen. Sein Verstand knipst sich für einige Momente aus. Er denkt, als er auf das gurgelnde Wasserloch starrt, an den Seerosenteich von Monet.

Försters "Nike 89" an der Glienicker Brücke als Symbol des Sieges und des Friedens.
Försters "Nike 89" an der Glienicker Brücke als Symbol des Sieges und des Friedens.Foto: Andreas Klaer

Ein Trauma für Jahrzehnte

Förster wird heute 90 Jahre alt, doch in ihm starrt dieser 14-jährige Junge noch immer fassungslos vor Entsetzen auf den zerhackten Leib. Dieses Trauma wird Jahrzehnte in seinem Kopf gären, bis er es in Figuren einschließt, die ihn zu einem der wichtigsten Bildhauer der vergangenen 70 Jahre machen. Er wählt diesen Beruf, weil er einer Mission folgt. Wieland Förster will an das Leid des 20. Jahrhunderts erinnern, sagt er. Deshalb immer wieder die gebrochenen, aufgerissenen, zerschlagenen Körper, das zum Menschenklumpen sich zusammenballende Martyrium, ein in Bronze gegossener Schmerzensschrei. 

Der in der Nähe von Oranienburg lebende Künstler fühlt sich durch sein Davongekommensein in die Pflicht genommen. Er überlebt die Einäscherung Dresdens im Februar 1945 und drei Jahre Bautzen, wo er mit 16 wegen angeblichen Waffenbesitzes eingesperrt wird. Der eigentliche Grund ist: Er weiß zu viel über die Schiebereien des roten Landrats, der mit den Försters in einem Haus wohnt.

Bautzen ist ein Sterbelager, ein Mahlwerk der Entmenschlichung, in dem die offene Tuberkulose sich durch jede Lunge frisst und dessen Zweck es ist, die Gefangenen zu brechen. Förster erzählt davon, in seinem vor drei Jahren erschienenen Roman „Tamaschito“. Es ist sein jüngstes Buch, in dem man abwechselnd mit Zorn und Ekel kämpft. Geschrieben hat er schon immer. Seit 2007, seit er zu gebrechlich ist, um an der Figur zu arbeiten, setzt er sein Werk rein literarisch fort.

„Das Opfer“ in der Gedenkstätte Lindenstraße 54.
„Das Opfer“ in der Gedenkstätte Lindenstraße 54.Foto: Ottmar Winter

Wahrhaft Spektakuläres

Nach drei Jahren Bautzen ist Förster auf das Gewicht eines Zweitklässlers abgemagert und wird in die Freiheit abgeschoben. Zur Kunst findet er in einem Abendkurs. Er studiert Bildhauerei in Dresden bei Walter Arnold und in Ost-Berlin bei Fritz Cremer. Beides große Namen – von denen sich Förster unbeeindruckt zeigt. Ihn interessieren Maillol, Giacometti, Henry Moore und nicht wie die Menschen nach der Vorstellung einer Partei sein sollten, sondern wie sie tatsächlich sind. DDR-Kulturminister Klaus Gysi versucht Förster vergeblich zur Idealisierung zu bewegen. Der Bildhauer bleibt bei seiner Linie. Der Staat reagiert gereizt mit Ausstellungsverboten. Wenige Jahre später ist Förster Vizepräsident und ordentlicher Professor der Kunstakademie der DDR.

Wie geht das? Zum einen hat er in dem Regisseur Konrad Wolf einen einflussreichen Fürsprecher. Zum anderen schenkt er der Kunst – in Ost und West – wahrhaft Spektakuläres. Sein drei Meter hoher, Mitte der 70er-Jahre entstandener Frauenakt „Große Neeberger Figur“ gilt heute als Schlüsselwerk, das der Bildhauerei die Zwischenwelt zwischen Abstraktion und Figuration erschloss. Ein Raum auch zwischen Ost und West, in dem sich Förster verankert hat. Für Potsdam schuf er die „Nike ’89“ an der Glienicker Brücke und „Das Opfer“ in der Gedenkstätte Lindenstraße 54.

Ein Solitär

Er hat in der DDR nie einen Staatsauftrag angenommen, genauso wie er das Konrad-Adenauer-Stipendium ablehnt, das ihm die Bonner Republik anbietet. Er bleibt ein Solitär zwischen Eingezwängtheit und Entfesselung, so wie der Neeberger Akt, diese unverhohlen erotische Figur mit ihren vollen, prall abstehenden Brüsten, dem breit lächelnden Becken und dem unter einem engen, hochgezogenen Hemd versteckten Kopf. Bei ihr weiß man nicht, ob sie in ihrer Kleidung eingesperrt ist oder sich gerade davon befreit.

Als es zu Försters 85. Geburtstag überall in Deutschland Ausstellungen über ihn gab, zeigte das Bremer Gerhard-Marcks-Haus auch die „Große Neeberger Figur“ – mit Werken anderer zeitgenössischer deutscher Bildhauer. Die Kuratoren verzichteten auf Hinweise auf die Herkunft der Schöpfer. Und siehe da. Försters Figur war in diesem der Zeit und dem Raum entzogenen Kontext der Star. Kunst, die bleibt – mehr kann ein Bildhauer nicht erreichen. 


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