Kultur : Bedauernswerte Mannsbilder

Moritz Führmann las Thomas Manns Novelle „Tristan“

Astrid Priebs-Tröger

Zwei Männer sind die Hauptfiguren. Und zwischen ihnen natürlich eine Frau. Nacheinander versuchen sie, die Gunst der fragilen Schönheit zu gewinnen. Am Ende scheitern beide kläglich. Doch es ist keine klassische Dreiecksgeschichte, die in Thomas Manns berühmter Novelle „Tristan“, die in einem Sanatorium spielt, erzählt wird. Am Sonntagvormittag las in einer Matinee des Hans Otto Theaters der Schauspieler Moritz Führmann aus dieser bereits 1903 erschienenen, sogenannten Künstlernovelle. Denn der eine der beiden Männer ist ein erfolgloser Schriftsteller, der andere ein tatkräftiger lebenslustiger Geschäftsmann.

Moritz Führmann verkörpert beide. Und das mit großer Lust. Denn schon bei der Vorstellung der gegensätzlichen Charaktere hat der formvollendet im Smoking auftretende Vorleser die Zuhörer in seinen Bann gezogen. Genüsslich kostet er die äußerlichen Besonderheiten und sprachlichen Eigenarten der ziemlich verschiedenen Protagonisten aus. Lässt die behäbige, leutselige Vitalität des Tatmenschen und die einzelgängerische, entrückte Beseeltheit des Schöngeistes sehr plastisch und amüsant vor den Zuhörern entstehen. In keiner anderen seiner frühen Figurenkonstellationen hat Thomas Mann die Gegenparts so ironisiert, und so hat der Schauspieler viel Gelegenheit, sein komisches Talent zu zeigen.

Ganz besonders natürlich in der Rolle des Schriftstellers Detlev Spinell. Der sich, kaum ist der vielbeschäftigte Ehemann Klöterjahn abgereist, dessen verwaister Gattin immer wieder nähert und sogleich anfängt, sie in sein Netz aus Phantasien und Andeutungen zu spinnen. Und da er dabei instinktiv ihren „wunden Punkt“ trifft, hat er auch bald Aussicht auf Erfolg. Doch der Höhepunkt seiner Annäherung – sie spielt auf sein Verlangen Wagners „Tristan und Isolde“ auf dem Klavier – ist auch in der Lesung eine großartige Parodie auf das vielfach tradierte Liebesmotiv. Denn es geht Spinell nicht wirklich darum, die empfindsame Frau für sich zu gewinnen, sondern er will vor allem ihre zerbrechliche Schönheit vor dem, für ihn so unverständlichen und erdenschweren Leben bewahren. Dabei beweist er zwar einiges Engagement, bleibt aber selbst blutleer und fleischlos. Zuletzt schreibt er einen Brief an den Ehemann. Dass es daraufhin nicht zu einer „wirklichen“ Auseinandersetzung zwischen den bedauernswerten Mannsbildern kommt, haben sie nicht nur der eigenen Schlaffheit bzw. Geistlosigkeit, sondern vor allem der nun todkranken Gabriele zu „verdanken“.

Unter der bewährten Leitung von Hans-Jochen Röhrig entstand wie schon so oft eine originelle Lesefassung, die die Höhepunkte der literarischen Vorlage effektvoll herauskristallisierte. Zu dem eingespielten Team gehörte neben Moritz Führmann auch wieder Rita Herzog am Klavier, die neben der Wagnerschen Originalmusik auch Robert Schumann und Leopold Mozart zur atmosphärischen Verdichtung zu Gehör brachte.

Das zahlreich erschienene Publikum dankte allen Mitwirkenden, der mit dieser Lesung begonnenen neuen Reihe „Unglaubliche deutschsprachige Erzählungen“, mit herzlichen Applaus.Astrid Priebs-Tröger

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