• „Bartleby, der Schreiber“ am Hans Otto Theater: Der Verweigerer

„Bartleby, der Schreiber“ am Hans Otto Theater : Der Verweigerer

Das Hans Otto Theater entwickelt aus Melvilles Klassiker „Bartleby, der Schreiber“ eine eigene Fassung.

Andrea Lütkewitz
Schauspielern des Hans Otto Theaters bringen Melvilles Klassiker „Bartleby“ auf eigene Weise auf die Bühne.
Schauspielern des Hans Otto Theaters bringen Melvilles Klassiker „Bartleby“ auf eigene Weise auf die Bühne.Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture

Potsdam - Ratlosigkeit sei das Erste, was sich einstellt. „Da steht man davor und weiß erst mal nicht, was man damit anfangen soll.“ Die Theaterregisseurin Nina de la Parra meint die Geschichte von „Bartleby, der Schreiber“ von Herman Melville, ein Klassiker der amerikanischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Da gehe es ihr wie allen anderen, wenn der Schreibgehilfe Bartleby an der Wallstreet ganz plötzlich jeden Arbeitsauftrag seines Chefs mit den berühmten Worten „Nein, ich möchte lieber nicht“ verweigert. Denn es werde nicht aufgelöst, was hinter diesem Widerstand stecke.

Gemeinsam mit einem neunköpfigen Ensemble hat sich die 32-jährige Niederländerin auf eine „Recherchereise“ begeben, an deren Ende die Premiere von „Bartleby – ich möchte lieber nicht“ am 27. April in der Reithalle des Hans Otto Theaters steht. In der Matineé „Früh-Stücke“ wurden am Sonntag im Glasfoyer erste Szenen vorgestellt.

In welchen Situationen sagen wir "Nein"?

Für das Stück arbeitet de la Parra mit den Schauspielern Jonas Götzinger, Henning Strübbe, Marie-Therése Fischer, Bettina Riebesel, Alina Wolff und Jörg Dathe. Für die Recherche sorgt die Dramaturgin Natalie Driemeyer, für die Ausstattung Carla Friedrich. Die musikalische Leitung, denn es soll auch performt, gesungen und getanzt werden, übernimmt Rita Herzog. Musik liegt Nina de la Parra am Herzen, die sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden erfolgreich Theater macht – neben der Regie ist sie auch mit einem eigenen feministischen Comedy- und Musikprogramm unterwegs.

Was bedeutet es denn aber nun, dass sich das Ensemble auf eine „Recherchereise“ begeben hat und was ist von „Bartleby – ich möchte lieber nicht“ zu erwarten? „Wir haben alle gemeinsam die Erzählung gelesen und uns selbst gefragt, was das für Situationen sind, in denen wir lieber Nein sagen wollen, als etwas von uns Verlangtes zu tun“, sagt Natalie Driemeyer.

Persönliche Erfahrungen fließen mit ein

Dass Bartleby mit seinem Verhalten ein großes Rätsel hinterlässt, sei zugleich der große Reiz, sich an eine Bearbeitung der Melvill’schen Vorlage zu wagen. „Weil diese Unschärfe große Möglichkeiten lässt, sich mit passivem Widerstand auseinanderzusetzen“, so de la Parra. Entstanden sei schon jetzt eine vielfältige Szenen-Collage aus persönlichen Erfahrungen und künstlerischen Verdichtungen, für die Driemeyer verschiedene Themen recherchiert hat.

So geht es unter anderem um eine junge Frau, die jeglichen Lebensmut durch Depressionen verloren und nach zahlreichen erfolglosen Therapieversuchen endlich an eine erfolgreiche Methode gerät. Ein sogenannter Prototyp – eine lebensgroße und zum Leben erweckte Puppe – zieht bei ihr zu Hause ein und antwortet auf jede Frage mit einem Nein. Sie will weder aufstehen noch fernsehen und schon gar nicht vor die Tür gehen. Wie durch ein kleines Wunder gewinnt die Frau mit jedem Nein wieder mehr Lebenslust, muss aber am Ende damit leben, dass die Puppe für immer bei ihr bleibt. Humoristisch ist das, mit Ironie und Überspitzung versehen.

"Me too" und andere politische Themen

Aber auch auf das Einfließen aktueller politischer Themen, Potsdamer Stadtgeschichte, deutsche Geschichte oder „Me too“ könnten sich die Zuschauer einstellen, so Driemeyer.

Überhaupt sei die Idee zur „Bartleby“-Bearbeitung entstanden, weil die erste Spielzeit unter Intendantin Bettina Jahnke unter dem Motto „Haltung“ stünde. Es sollen Figuren auf die Bühne kommen, die in konfliktgeladenen Situationen für ihre Ansichten und Werte einstehen. Dynamisch soll das im Fall von „Bartleby“ werden, kündigt Driemeyer an. Denn wenn danach gefragt werde, was der Widerstand eines einzelnen mit anderen betroffenen Menschen mache, könne es durchaus energiegeladen zugehen – sei die erste Ratlosigkeit überwunden.
>>Die Premiere ist am 27. April, 19.30 Uhr, in der Reithalle, Schiffbauergasse