Kultur : Balbina auf der lyrischen Welle

Oliver Dietrich

Es ist irgendwie nicht so leicht vorstellbar, dass Sängerin Balbina noch vor wenigen Jahren musikalisch in der Berliner Hip-Hop-Szene verkehrte. Sicherlich, diese wortgewaltige Textlastigkeit mag als Indiz gelten, ihr Feature mit dem Rapper Maeckes auch. Aber musikalisch hätte man die 34-jährige deutsch-polnische Musikerin doch ganz klar in der Jazz- und Soulschiene verortet, wenn man die Schnittmengen ausblendet.

Im vergangenen Dezember war die in Warschau geborene Sängerin und Texterin bereits mit Band in der Waschhaus-Arena. Am Samstagabend stand Balbina, die bürgerlich Balbina Monika Jagielska heißt, im Nikolaisaal auf der Bühne, diesmal begleitet vom Filmorchester Babelsberg. Eine Inszenierung des schüchtern-verkopften Mädchens, das in einem überdimensioniert-aufgebauschten Kleidungsstück eine zutiefst lyrische Welle durch den Saal jagte. Der Abend sollte eine musikalische Offenbarung werden.

Woran das lag? Schwierig zu sagen, vor allem aber an diesem verkopften Kokettieren mit dem Unpassenden, das mit so plastischen Metaphern realisiert wird. Und dazu diese Stimmen: eine nasale, sonore, tiefe Stimme mit verschnupft-präzisem Timbre, die von einer hohen Kopfstimme beantwortet wird – und kaum noch dieselbe zu sein scheint. Fassungslos krallt man sich in den Sitz, mit der latenten Angst, irgendetwas zu verpassen, alles aufsaugend. Geflasht, so nennt man das heute. Vom Stendhal-Syndrom reden die Älteren.

Es ist ja schon diese verspielt-wuchtige Lyrik, die in Gedichtbände gedruckt gehört. Eine melancholische Tiefe, die sich jedoch leichtfüßige Wortspielereien erlaubt. Allein die Songtitel, die hauptsächlich aus Artikel und Schlagwort bestehen. „Der Dadaist“ etwa, in dem es paranomatisch heißt „Dadaist, Dadaist was“, „Der Trübsal“, „Das Sinnlos“. Und dann diese ergreifenden Texte: „Ich klebe mir Tesa auf die Brillengläser und sehe die Welt wie Monet“ singt Balbina in „Das Milchglas“. Oder: „Das hinterlässt nur Regenwolken über meinen Wangenknochen.“

Natürlich hat Balbinas Musik eine ausgeprägte popmusikalische Markierung, von simpler Unterhaltung könnte jedoch niemand weiter entfernt sein. Und selbst sie scheint die Luft anzuhalten beim Anblick des ausverkauften Nikolaisaals: Am liebsten würde sie da unten sitzen und einfach zugucken, sagt sie. Geht aber nicht. Und das ist gut, sehr gut.

So wird es ein Konzert, das viel zu schnell vorübergeht. Man möchte es irgendwie halten, aber es zerrinnt zwischen den Fingern und plötzlich ist es vorbei, ganz einfach so. „Mein Nervenkostüm ist eine Nummer zu klein“, singt Balbina. Und so ähnlich verhält es sich mit einem selbst nach dieser lyrischen Tour de Force, als die Sängerin die Bühne verlässt. Ihr phonetischer Begleiter ist dabei das Jubeln und Pfeifen eines Publikums, das mit Standing Ovations und hochroten Ohren realisiert, dass manche Erlebnisse einfach viel zu flüchtig sind. Wahrscheinlich völlig zu Recht. Oliver Dietrich