• Bärbel Dalichow schreibt an Theodor Fontane: "Sie waren mir zu einem Freund geworden"

Bärbel Dalichow schreibt an Theodor Fontane : "Sie waren mir zu einem Freund geworden"

Bärbel Dalichow, ehemalige Leiterin des Potsdamer Filmmuseums, entdeckte Fontane als Freund in der Not: im Hörspiel seiner „Kinderjahre“, gelesen von Kurt Böwe.

Bärbel Dalichow
Bärbel Dalichow, Ur-Potsdamerin und langjährige Direktorin des Potsdamer Filmmuseums.
Bärbel Dalichow, Ur-Potsdamerin und langjährige Direktorin des Potsdamer Filmmuseums.Foto: Andreas Klaer

Verehrter, lieber Herr Fontane,

unter dem Packen täglicher Post, den Sie erhalten, suchen Sie gewiss zuerst nach der Handschrift Ihrer Frau Emilie, deren Briefe Ihnen die erwünschtesten sind. Ein Umschlag mit unbekanntem Absender verursacht Misstrauen, manchmal auch Neugierde. Um Vorbehalte gleich zu zerstreuen, versichere ich Ihnen, dass dieser Brief weder ein Beschwerde- noch ein Bettelbrief ist. Ich schreibe Ihnen ausschließlich, um Sie zu erfreuen – wohl nicht der schlechteste Grund für einen Überfall. Bitte sehen Sie also einer Unbekannten die unerbetene Störung nach.

Das Merkwürdigste bekenne ich sofort: Ich bin weit über hundert Jahre nach Ihnen geboren. Ein Brief aus der Zukunft? Lächerlich, mögen Sie nun denken, zumal Ihnen ja schon die zahlreichen Zusendungen von Zeitgenossen über den Kopf wachsen. Und nun schreiben auch noch Menschen aus der Zukunft? Ja, so ist es. Nur, geht das überhaupt? Und, was soll das?

Es handelt sich um Ihre Wirkung auf Nachgeborene. Ein wenig Nachruhm schmeichelt doch jedem Schriftsteller – aber freuen Sie sich nur nicht zu früh. Auch wenn heutige Schulen und Hotels Ihren Namen tragen, wenn 2019, aus Anlass Ihres Geburtstagsjubiläums, wieder salbungsvolle Reden über die herausragende Bedeutung Ihrer Werke geschwungen werden, Ausstellungen und Wiederveröffentlichungen anstehen, oder wenn, was ich noch kurioser finde, Ihr Konterfei samt kleinen Bonmots seit Jahrzehnten die Druckfassung des Brandenburgischen Landeshaushalts ziert: Den Autor Theodor Fontane, wenn man ihn denn überhaupt noch kennt, hält man für gemütvoll und humoristisch. Falls er geschätzt wird, dann für seine präzisen Schilderungen untergegangener Welten, die vordergründig meist wohlgeordnete Verhältnisse beschreiben, welche, näher betrachtet, durchaus mit konfliktträchtigen Situationen gespickt sind. Ansonsten gelten Ihre Texte indessen weitgehend als antiquiertes Bildungsgut, in Gegenstand und Ton denkbar ungeeignet für eine rasante Zeit, in der auf Maschinenoberflächen gelesen wird, überwiegend häppchenweise.

Theodor Fontane: "Meine Kinderjahre".
Theodor Fontane: "Meine Kinderjahre".Foto: Sarah Kugler

Auch in meinem Regal stehen Ihre Bücher nicht gerade an prominenter Stelle, obwohl ich weiß, dass Sie ein ernsthafter, empfindsamer Mann sind und selbstverständlich auch tiefschwarze Stunden kennen. Als ich selbst in einem dunklen Tal gefangen war, hat sich mein laxes Verhältnis zu Ihnen gewandelt. Warum ich in dieser Verfassung war, tut nichts zur Sache. Es ging mir damals jedenfalls derart schlecht, dass ich nichts wollte, nichts konnte. Tee trinken? Nein. Essen? Auf keinen Fall. Fernsehen? Bloß nicht. Tagelang lag ich da wie gelähmt, ohne dass mir einfiel, was mich wenigstens ablenken würde. Ich konnte weder lesen noch schreiben, nicht vor die Tür gehen, und Menschen konnte ich schon gar nicht ertragen. 

Eines Tages fiel mein Blick zufällig auf die Hörbücher im CD-Regal und streifte wenig interessiert über die Titel auf den Hüllenrücken. Dieser und jener, alles nichts für mich – bis mir eine Box mit Ihren Lebenserinnerungen auffiel und ich daran dachte, wie sie zu mir gekommen war. Eine meiner Freundinnen hatte ihre geliebte Mutter verloren und musste, wie es Hinterbliebenen nun mal obliegt, deren Wohnung räumen. Wie viele Trauernde brachte sie es nicht übers Herz, alles zu entsorgen, so verteilte sie, was sich verteilen ließ. Eigentlich bin ich kein Typ für Hörbücher; ich lese lieber, aber eben das konnte ich ja gerade nicht. Wär’s vielleicht doch einen Versuch wert? 

Ich schob die erste Scheibe in den Apparat, legte mich auf den Teppich, die Fernbedienung mit der Taste zum Ausschalten in Reichweite, und hörte Kurt Böwes tiefe, leicht raue Stimme die ersten Sätze sprechen: „An einem der letzten Märztage des Jahres 1819 hielt eine Halbchaise vor der Löwen-Apotheke in Neu-Ruppin, und ein junges Paar, von dessen gemeinschaftlichem Vermögen die Apotheke kurz vorher gekauft worden war, entstieg dem Wagen und wurde von dem Hauspersonal empfangen. Der Herr – man heiratete damals (unmittelbar nach dem Kriege) sehr früh – war erst dreiundzwanzig, die Dame einundzwanzig Jahre alt. Es waren meine Eltern.“ Nicht nur die frühere Eigentümerin dieser Aufnahme war tot, nein, auch Böwe, der große Schauspieler, dessen Spiel im Deutschen Theater mich so beeindruckt hatte, mehr noch als seine Filme, war bereits tot. 

Doch hier und jetzt ertönte seine Stimme, eine warme, gute Männerstimme, die mir sofort Vertrauen einflößte, zumal er Ihre Texte völlig unprätentiös vortrug. Da lag ich nun und hörte zu. Ich hatte wirklich keinen Ausflug ins Jahr 1819 machen wollen, aber Böwe erzählte mir eben Geschichten, so wie man einem kranken Kind eine lange Geschichte erzählt, die weder zu gruselig ist noch zu seicht, auf eine Weise, die bewirkt, dass das Kind sich ernstgenommen fühlt und wenigstens momentweise seine eigene Malaise vergisst. Obwohl ich das zuvor nicht wirklich geglaubt hatte, mochte ich dieses Vorlesen. Dabei gibt es durchaus Passagen, die an Ungemach gemahnen, so ein dezenter Halbsatz in Kapitel 9: „Als wir in Swinemünde eintrafen, war meine Mutter, wie schon in einem früheren Kapitel erzählt, einer Nervenkur halber in Berlin zurückgeblieben, (…)“ Was sich hinter dem verbarg, was Sie bisweilen gnädig auch als „Gewölk“ bezeichnen, wollte ich mir lieber nicht vorstellen. Dankenswerterweise fehlte, anders als in den meisten sonstigen Medienprodukten, jedes Geschrei und Generve. Da war nur ein stetes Strömen von Begebenheiten, die mich wenig bis nichts angingen – und das tat mir in meiner speziellen Lage unglaublich wohl.

Auf diese erste Stunde mit Ihnen folgte bald eine weitere, dann noch eine, bis ich schließlich am Ende der letzten CD angekommen war. Indessen waren Sie, der lange Vernachlässigte, mir zu einem nahen Freund geworden, ein Freund von dem man manches weiß und sich den Rest dazudenkt. Nennt Sie nun jemand altväterlich oder bezeichnet Ihre Werke als obsolet, spüre ich einen Stich und widerspreche. Und nur dies wollte ich Sie gern wissen lassen.

Herzlich grüßt Ihre Bärbel Dalichow

Es schreibt heute: Bärbel Dalichow. Die Filmwissenschaftlerin leitete von 1990 bis 2013 das Filmmuseum Potsdam und arbeitet heute als freie Autorin.

Theodor Fontane: Meine Kinderjahre, Von zwanzig bis dreißig, gelesen von Kurt Böwe, ORB 1992/1993, 11 CDs, Verlag Das Neue Berlin, ISBN 3-360-01010-8.

Nächste Woche schreibt der Schriftsteller Lutz Seiler, bekannt durch seine Lyrik und den Roman „Kruso“. Er leitet des Literaturprogramm des Peter-Huchel-Hauses in Wilhelmshorst.

>>Alle Folgen der Serie „Briefe an Fontane“ zum 200. Geburtstag des Schriftstellers lesen Sie auf www.pnn.de/themen/fontane