• Auszeichnung für Regiestudentin: Der Blick hinter das Weihnachtslächeln

Auszeichnung für Regiestudentin : Der Blick hinter das Weihnachtslächeln

Die Potsdamer Regiestudentin Sophie Linnenbaum sucht die übersehenen Momente. Ihr Film „Pix“ wurde dafür ausgezeichnet.

Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Was passiert eigentlich zwischen den großen Momenten des Lebens? Zwischen dem ersten Atemzug, dem ersten Schritt, der Einschulung, dem ersten Kuss? Zwischen den Bildern also, die im Familienalbum abgebildet sind. Sind es nicht vielleicht eigentlich die Erlebnisse dazwischen, die das Leben definieren? Diese Frage hat sich die Potsdamer Regiestudentin Sophie Linnenbaum gestellt und sie zu einem Kurzfilm verarbeitet. „Pix“ heißt der und ist vor Kurzem mit dem Deutschen Kurzfilmpreis ausgezeichnet worden. Am heutigen Kurzfilmtag wird er leider nicht in Potsdam, aber immerhin in einem Braunschweiger Kino gezeigt.

„Pix“ baut sich wie ein Fotoalbum auf: Immer wieder stellt sie ihre Protagonisten in Posen vor die Kamera – inklusive fröhlichem Lächeln. Doch in „Pix“ ist die Kamera eben auch schon da, wenn der Hochzeitschleier noch gerichtet werden muss und sie bleibt, wenn das Foto längst im Kasten ist, das Lächeln schon wieder erloschen. Besonders schön: ein Clown, der nach dem bunten Kindergeburtstagsbild hilflos zurückbleibt. Sein Zweck ist erfüllt, seine Anwesenheit überflüssig. „Besonders in den Sozialen Medien kann man dieses Phänomen beobachten“, sagt Linnenbaum, die im Master Regie an der Filmuniversität Potsdam studiert. „Es gibt diese bestimmten Bilder, die geteilt werden.“ Ein wirklich beschissener Urlaub etwa könne immer noch als gut verkauft werden, wenn es drei gute Bilder dazu gebe.

Immer wieder spielt die Identität und die Rolle in der Gesellschaft eine Rolle

Dieses Phänomen fasziniert die 31-jährige Berlinerin. Sie selbst hält sich aus den Sozialen Medien vollkommen raus. Weil sie nicht versteht, warum man diese Medien braucht, um Dinge zu verarbeiten oder darzustellen, wie sie sagt. Dann überlegt sie kurz und fügt hinzu: „Natürlich mache ich das ähnlich mit meinen Filmen, vielleicht ist der Unterschied gar nicht so groß.“ Denn letztendlich folge auch sie ihrem persönlichen Gefühl, wenn sie entscheidet, was relevant ist und was nicht. Die Frage nach Identität und die individuelle Rolle in der Gesellschaft spielt dabei oft eine Rolle.

Besonders deutlich wird das in „Out of Frame“, einem Kurzfilm aus dem Jahr 2015. Darin verschwindet ein Mann einfach aus dem Bild. In keinem Foto, ja nicht einmal in seinem eigenen Lebensfilm ist er zu sehen. Seine Stimme ertönt nur aus dem Off, die Mitmenschen nehmen ihn kaum wahr. Bis er auf eine Selbsthilfegruppe trifft, in der alle filmtechnisch irgendwie aus ihren Rollen fallen: der eine hat eine asynchrone Tonspur, ein nächster leidet unter ständiger Untertitelung. Und dann ist da diese Frau, die einfach immer im Bild ist, egal, ob sie möchte oder nicht. Das Leben als Film, die Einsamkeit der Protagonisten spielt die Hauptrolle.

Kein geradliniges Erzählen: „Ich muss etwas anfassen und verdrehen"

Geradliniges Erzählen liegt Linnenbaum nicht. Sie sucht den künstlerischen Zugriff, entwickelt von da ihre Geschichten. „Ich muss etwas anfassen und verdrehen, um darin wieder das Pure zu finden“, erklärt sie. Ihr Schaffensprozess läuft dabei immer ähnlich ab: „Zunächst habe ich eine Idee, dann kommt die Verzweiflung und dann entsteht der Film.“ Den Kurzfilm als Genre liebt sie. Nicht nur, weil er in der Produktion günstiger ist, er biete auch einfach mehr Möglichkeiten, Muster zu sprengen. Und noch etwas liebt die Regisseurin: Weihnachten. In „Pix“ gibt es gleich zwei Weihnachtsszenen, auch in „Out of Frame“ wird ein Festbild aufgenommen – aus dem die Feiernden aus Solidarität zum Protagonisten alle aus dem Rahmen treten.

Der Teamgedanke – ein sehr wichtiger für Linnenbaum. Nicht nur an Weihnachten, dem Fest der Liebe und des Essens, wie sie sagt, sondern auch bei der Arbeit. „Ein Film entsteht immer im Team“, betont sie. Auch ihre Ideen bespricht sie – etwa mit ihrem Mitbewohner sowie Komilitonen Michael Fetter Nathansky, der für seinen Film „Gabi“ ebenfalls mit dem Deutschen Kurzfilmpreis ausgezeichnet wurde (PNN berichteten). Den Film „Rien ne va plus“ (2017) – der von einem Selbstmörder erzählt, der zufällig Zeuge eines Kasinoüberfalls wird – haben die beiden zusammen gedreht.

Derzeit arbeitet Linnenbaum an einem Kollektivprojekt mit Potsdamer Komilitonen: ein Episodenfilm, der von Menschen im Restaurant erzählt und der im rbb ausgestrahlt werden soll. Auch wenn Linnenbaum noch nichts über ihre Episode verraten möchte, eins ist sicher: Es wird um die Zwischentöne gehen, die Momente, die leicht vergessen werden. Und eventuell auch um Weihnachten. 

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