• Ausstellung von Familie Raetsch: Die im Dunkeln sieht man nicht

Ausstellung von Familie Raetsch : Die im Dunkeln sieht man nicht

Barbara Raetsch malt das Goldene Kalb, Sohn Robert zeigt seinen Stier aus Stein - beides ist im Raetschen Atelier Am Kanal zu sehen.

Die Potsdamer Malerin Barbara Raetsch.
Die Potsdamer Malerin Barbara Raetsch.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Es wirkt einsam, als hätte es sich verirrt. Wie eine Mondkapsel schwebt es durch den dunklen großen Raum. Dieses goldschimmernde Kälbchen auf den Bildern von Barbara Raetsch zieht den Blick auf sich, versprüht eine leise Magie. Und genau dieser Sog ist es, den die Malerin geschickt einfängt. Leise und untergründig. Sie posaunt ihre Botschaft nicht lauthals heraus, sondern begegnet ihr fast skizzenhaft: der Redensart vom Tanz um das Goldene Kalb als Sinnbild für die Verehrung von Reichtum und Macht.

Auf ihrem gemütlichen Sofa im Atelier Am Kanal, wo die 82-jährige Künstlerin mal wieder mit einem neuen Thema überrascht, erzählt sie von ihrem Ärger über die Politik: über das Scheinheilige und Abgehobene, das nicht wirklich gegen die soziale Spaltung in der Gesellschaft zu Felde ziehe. „Es geht ums Geld in allen Lebenslagen.“ Barbara Raetsch zitiert aus Brechts „Dreigroschenoper“: „Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“ Ihr Goldenes Kalb ist der malerische Reflex auf dieses beiseite Gedrückte, das Unsichtbare, das inzwischen aus allen Ecken wütend hervorzukriechen scheint.

Bilder im Atelier von Barbara Raetsch.
Bilder im Atelier von Barbara Raetsch.Foto: Andreas Klaer

„Meine letzte Tat“, sagt Barbara Raetsch bei Keks und Kaffee. Und meint damit wohl eher das Thema, das sich aus ihren roten Bauzäunen Am Alten Markt heraus entwickelt hat. Ein Jahr malte sie an dem dramatischen Bilder-Zyklus: an ihrem Aufschrei in Rot gegen die Veränderungen in der Mitte der Stadt. Die klare Fassadengliederung der nun abgerissenen Fachhochschule mutierte auf ihren Gemälden zu hohlen toten Blicken. Sie griff zu einem leuchtenden Fahnenrot, das man in dieser Intensität noch nie bei ihr sah, obwohl sie das Rot sehr gern und oft befragt. Einige ihrer kleineren Bauzaun-Mauerbilder übermalte sie nun mit ihrem Goldenen Kalb und mit tanzenden Figuren, die sich schemenhaft drumherum bewegen.

„Die jetzige Situation am Alten Markt bietet nichts Interessantes mehr für mich“, sagt die Malerin, die sich immer wieder in ihrem langen künstlerischen Schaffen dem Wegbrechen, dem drohenden Verlust zuwandte: in den 80er- und 90er-Jahren malte sie vor allem die Abrisshäuser in Potsdams Innenstadt, die heute wie Ikonen einer verschwundenen Zeit wirken. Danach drehten sich auf ihren Bildern die Kräne wie Kreuze am Horizont.

Man sieht, es wird gearbeitet.
Man sieht, es wird gearbeitet.Foto: Andreas Klaer

Dann kam der rote Zaun. Wie ein Menetekel. Das Goldene Kalb ist nun ein Schlussakkord dieser Serie, der Ausläufer der roten Wände. „Es hat sich so ergeben, wie eine Episode, aber äußerst passend zu unserer Zeit.“ Barbara Raetsch sagt das ohne Pathos, so wie sie auch in ihren Bildern eher hintergründig bleibt.

In dieser kleinen Ausstellung kommt auch ihr Sohn Robert, Jahrgang 66, zu Wort. Der gelernte Steinmetz hat sich ganz dem Sandstein verschrieben. Unterhalb der Fensterfront reihen sich seine Skulpturen auf und weisen zurückhaltend den Weg zu den kraftstrotzenden Bildern der Mutter. Robert Raetsch meißelt Florales und Figürliches in den weichen Stein, archaische Motive, die von der Urkraft der Natur sprechen.

Auch ein großer Stierkopf lehnt an der Wand, ganz majestätisch. Er steht für die männliche Kraft. Das gemalte Kälbchen wirkt dagegen geradezu zart. Verheißungsvoll. Wie schnell aber wächst es sich aus, vor allem wenn es so enthusiastisch umtanzt wird.

Es ist eine fast intime Ausstellung: hier im lichtdurchfluteten Arbeitsraum des Altneubaus. Der Besucher geht durch den schmalen Flur hinein ins Atelier, sieht Bilder von allen Etappen aus Raetschs Leben, auch von ihrem 2004 verstorbenen Mann Karl. Barbara Raetsch gibt gern den Blick frei, lädt ein, in ihre Malerei einzutauchen und damit in Potsdams Werden und Vergehen und neues Werden. „Es kommt noch was“, sagt sie schließlich. Barbara Raetsch lässt sich nicht von ihren gesundheitlichen Einschränkungen unterkriegen. Sie greift zum Stock, macht sich auf den Weg. Immer wieder.
>>Zu sehen bis 12. Oktober, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr, Am Kanal 71