• Ausstellung im Rechenzentrum: Der Wert der Zeiten

Ausstellung im Rechenzentrum : Der Wert der Zeiten

Die Kulturlobby zeigt im Rechenzentrum noch vor dem Einzug der Künstler eine erste Ausstellung

Ariane Lemme
Wer nie von ihr geträumt hat, ist kein Potsdamer. Das Mädchen im Mosaik „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ von Fritz Eisel gleicht der Frau des Künstlers.
Wer nie von ihr geträumt hat, ist kein Potsdamer. Das Mädchen im Mosaik „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ von Fritz Eisel gleicht...Foto: Andreas Klaer

Es ist ein kluger Zug. Die Nutzung des Rechenzentrums, die nur eine temporäre sein soll – irgendwann soll es ja, vermeintlich ästhetisch, Platz machen für die Garnisonkirche –, mit einer Ausstellung zum Mosaik an seiner Außenhaut zu beginnen. Mit Kunst zum Kunstwerk von Fritz Eisel. „Der Mensch bezwingt den Kosmos“, heißt es, es beginnt mit Einsteins Relativitätstheorie und endet mit den Worten von Karl Marx: „Je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf um Weizen, Vieh etc. zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu anderer Produktion materieller oder geistiger Ökonomie der Zeit ...“

Das ist ein klares Bekenntnis zu einem in die Zukunft gerichteten Denken und insofern gehen Ausstellungskonzept, Ausstellungsort und Ausstellungsobjekt hier fast schon ineinander auf. Genau so übrigens wie in Eisels Mosaik das Private und das Politische ineinander aufgingen: Die junge Frau, die Teil seines Ensembles von „neuen“, die Technik bezwingenden Menschen ist, gleicht seiner Frau Christa Eisel. Man könnte es also als Liebesgeständnis inmitten der sozialistischen Moderne lesen.

Mit der Geschichte und der Rezeption des Mosaiks – und hier beginnt also die Ausstellung im Innern des Rechenzentrums – haben sich der Künstler Stefan Pietryga und seine Tochter Sophia Pietryga auseinandergesetzt. Sie haben Plakate und Zitate aus der Entstehungszeit des Mosaiks – 1971 bis 1972 – gesammelt, Bücher und Magazine, aber auch Fotos von ähnlichen Mosaiken. Walter Womackas Arbeit „Unser Leben“ am Berliner „Haus des Reisens“ etwa, aber auch Erich Euges „Der Mensch erobert das Weltall“ in Schwedt. Propaganda-Postkarten und Kinderspielzeug in Kosmonauten-Optik ergänzen diesen Ausstellungsteil – und führen ihn gleich, wie nebenbei – ins Heute: „Ein kleiner Schritt für die Künstler, ein großer Schritt für die Stadt“, heißt es – in Anspielung auf Neil Armstrongs berühmten Ausspruch bei der Mondlandung – etwa auf einer Collage. Und damit sind natürlich nicht mehr die sozialistischen Künstler der DDR gemeint, sondern die heutigen, die heimatlosen, die Potsdamer Künstler.

Die nämlich sollen ab September Ateliers, Proberäume und Werkstätten in rund 200 der ehemaligen Büroräume hier einrichten können. Die meisten, sagt Elias Franke von der Kulturlobby-Initiative, wünschten sich aber darüber hinaus auch größere Gemeinschaftsräume. Was verständlich ist – Kunst entsteht ja nicht nur im stillen Kämmerlein.

Die Kulturlobby-Initiative, die sich bisher stark für die Zwischennutzung des Rechenzentrums eingesetzt hat, will auch in Zukunft dort gestalterisch und organisatorisch aktiv bleiben. Dass das auch von den anderen beteiligten Interessengruppen gewünscht wird, das habe sich beim Interessenten-Plenum am Donnerstagabend bestätigt, sagt Elias Franke. Damit es im September wirklich losgehen kann, muss sich nun ein politischer Beirat bilden, der die Interessen der Zwischennutzer künftig vertritt. Neben der Kulturlobby sollen darin unter anderem auch der Mitmachen e.V., die Fachhochschule und die Uni Potsdam vertreten sein – einen Sitz soll auch die Stiftung für den Wiederaufbau der Garnisonkirche bekommen.

Das überrascht, weil die Stiftung das Rechenzentrum gerne verschwinden sähe – zugunsten des Wiederaufbaus. Bei der Kulturlobby sieht man das allerdings entspannt: „Die Stiftung hat ja kein Veto-Recht im Beirat und kann auch nicht verbieten, dass hier garnisonkirchen-kritische Kunst gezeigt wird. Für uns ist das vielmehr eine Chance, den Dialog mit der Stiftung fortzusetzen“, sagt Elias Franke.

Er und seine Mit-Aktivisten setzen sich unter anderem für eine gemeinschaftliche Organisationsstruktur für das Rechenzentrum ein. Ein künftiger Betreiber müsse deshalb an die Entscheidungen nicht nur des politischen, sondern auch eines Nutzerbeirats gebunden sein. Mögliche Gewinne sollen der Entwicklung des Hauses, der Förderung der Nutzer und der Öffentlichkeit zugutekommen. Im Erdgeschoss soll ein öffentlich zugänglicher Raum als „Schaufenster“ bleiben.

Damit, sagt Stefan Pietryga, sollen die Menschen auf den öffentlichen Raum an dieser Stelle aufmerksam machen, erklärte Pietryga, der als Künstler und Bildhauer unter anderem bundesweit Innenräume von Kirchen gestaltet. Seine Arbeit zum Mosaik von Fritz Eisel soll nicht die letzte bleiben, die hier ausgestellt wird: Die Kulturlobbyisten planen einen Aufruf an Potsdamer Künstler, sich ebenfalls mit diesem die Stadt so prägenden Kunstwerk zu beschäftigen. „Es ist Teil der Identität dieser Stadt“, sagt Pietryga.

Auch wenn Fritz Eisel selbst hier vielen weniger ein Begriff ist – oder, wenn doch, dann als Großvater der DJs Paul und Fritz Kalkbrenner. Tatsächlich aber lebte der 1929 in Hessen geborene Eisel von 1959 bis 1970 als freischaffender Künstler in der Stadt, bevor er als Professor an die Kunsthochschule Dresden berufen wurde. Das Rechenzentrum aber soll künftig nicht nur halb Vergessenes, Verschwindendes ins Gedächtnis rufen, es soll auch zeigen, was wird. Insofern passte es, dass Pietrygas Arbeiten hier ergänzt werden durch Werke von Tom Korn und Martin Maleschka, die beide zuletzt auch beim „Localize“-Festival ausgestellt haben – und die sich kritisch mit Stadtpolitik auseinandersetzen, etwa am Beispiel Eisenhüttenstadt. Zeit – und damit vielleicht auch zeitgeschichtliches –, das verrät ja auch schon Eisels erstes Mosaikbild, ist eben relativ. Ariane Lemme