• Ausstellung im Kunstraum Potsdam: Jörg Schlinke zeigt haarige Grafiken

Ausstellung im Kunstraum Potsdam : Jörg Schlinke zeigt haarige Grafiken

2001 wollte der Bildhauer Jörg Schlinke riesige Betonpfeile in der Feldflur aussäen. Jetzt ist er zurück – mit Grafiken im Potsdamer Kunstraum.

Neue Ausstellung "Cheek to cheek" von Jörg Schlinke im Kunstraum Potsdam.
Neue Ausstellung "Cheek to cheek" von Jörg Schlinke im Kunstraum Potsdam.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Diese Ausstellung ist ein Schlusspunkt, sagt Jörg Schlinke. Mehr als ein Jahr lang hat er jeden Tag an dem gearbeitet, was ab heute im Kunstraum zu sehen ist. Hat sich in die fein ziselierten Welten seiner Drucke versenkt: in ein Wirrwarr aus schwarzen Linien auf weißem Papier, aus Kringeln, Geraden und Bögen, das bei genauem Hinsehen zu einer Landschaft wird. Ein Labyrinth, meistens ohne Ausgang. Aber manchmal mit überraschender Pointe.

„Cheek to cheek“ zeigt Haarspaltereien, im Wortsinn. Haar ist das Ausgangsmaterial für diese Schau. Nicht als Büschel oder Objekt, sondern als Druckvorlage für Grafiken. Technisch funktioniert das so: Jedes einzelne Haar wird mit Druckerfarbe bedeckt und dann zwischen zwei Blätter gelegt. Eine ungemein zeitaufwendige, mühselige Sache. Aus dem, was Jörg Schlinke interessiert – Körper im Raum – wurde so etwas für ihn völlig Neues: Körper auf Papier. Und so kommt es, dass der Bildhauer Jörg Schlinke sich erstmals seit langer Zeit zurückmeldet – mit Grafiken.

Als Mike Geßner, der Kurator des Kunstraums, Jörg Schlinke einlud, allein eine Ausstellung zu bestreiten, wusste keiner von beiden, was daraus werden würde. Alles, was jetzt im Kunstraum zu sehen ist, entstand für den Kunstraum. 

Er hat zwei Töchter alleine großgezogen 

Schlinke hatte kein Atelier, wo sich die Werke stapelten. Er selbst sagt: „Ich war zwanzig Jahre weg.“ Jörg Schlinke hat zwanzig Jahre lang zwei Töchter großgezogen, allein. Das ging für ihn nicht zusammen mit dem Kunstmachen: „Ich kann nicht arbeiten, wenn ich gleichzeitig eine Verantwortung habe.“ Die hat er zwar jetzt immer noch, aber nicht mehr bei sich zu Hause. Die Töchter sind groß, ausgezogen. „Sobald ich das Flugticket für meine jüngste Tochter gebucht hatte, konnte ich anfangen zu arbeiten.“

Für die rote Farbe in seinen Arbeiten hat Schlinke sein eigenes Blut benutzt.
Für die rote Farbe in seinen Arbeiten hat Schlinke sein eigenes Blut benutzt.Foto: Andreas Klaer

Dass in den letzten Jahren gar nichts von Jörg Schlinke zu sehen gewesen wäre, stimmt aber nicht ganz. Als die Galerien während der Pandemie geschlossen blieben, konnten Passanten durch das Fenster des Kunstraum von der Nuthestraße aus eine große Fotoarbeit von ihm betrachten. Und in der Sammelausstellung „Ihr“, parallel zur großen Einheitssause im Potsdamer Stadtgebiet anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Deutschen Einheit, zeigte Jörg Schlinke eine Videoarbeit: Ein Käfer, zappelnd auf dem Rücken, unter ihm Spiegelglas. Wo nur einer zappelte, schienen sich zwei zu bewegen. Ein tragisches Bild für den Versuch einer Einheit, aber auch sehr komisch.

1996 gab es eine Rauminstallation namens "Russisch Roulette"

Wer die Dimension und Kompromisslosigkeit früherer Arbeiten Schlinkes kennt, ahnt, warum das zuletzt Genannte eher als Fingerübungen gelten mag. „Russisch Roulette“ hieß 1996 eine Rauminstallation in der ehemaligen KGB-Kaserne in der Schiffbauergasse. Wo heute das Fluxus-Museum ist, war damals unsanierte Einöde. Inmitten eines leeren Raumes stand ein Sessel, darauf eine Handwaffe. „Die war sogar geladen“, sagt Schlinke heute. „Aber mit Platzpatronen.“ 

An den Wänden hatte Schlinke Zeichen dafür aufgemalt, wie nah Leben und Tod einander sind: den binären Code 1 und 0, die Wörter Ja und Nein, Klick und Peng. Für die Bundesgartenschau entwarf er 2001 sein bislang größtes Projekt. Eins, das ihn beinahe die Arbeit als Künstler hinschmeißen ließ. „Arrow Bombing“ hieß es, sein Beitrag für einen Wettbewerb zur Gestaltung der Lennéschen Feldflur in Bornstedt. Zusammen mit einem Berliner Landschaftsarchitektenbüro konzipierte er etwa 250 Betonpfeile, jeweils rund zwei mal zwei Meter groß. Die Idee: Im Frühjahr 2001 sollten sie von Hubschraubern aus der Luft abgeworfen – Schlinke sagt: „ausgesät“ – werden. Jörg Schlinke ist gelernter Gärtner, er meinte es ernst. Gärtnern, das heißt für ihn: eine Landschaft „kultivieren“. Sie sich durch Zeichen der Kunst aneignen.

Die Ausstellung im Kunstraum Potsdam läuft noch bis zum 19. Dezember.
Die Ausstellung im Kunstraum Potsdam läuft noch bis zum 19. Dezember.Foto: Andreas Klaer

Ein mehrtägiges Event wäre das im Buga-Jahr geworden. Eine Expertenjury war dafür, erzählt Schlinke – aber Vertreter der Stadt Potsdam legten ein Veto ein. Man speiste ihn mit einem Förderpreis ab. Schlinke hätte fast den Glauben an seine Arbeit (oder seine Stadt?) verloren. „Scheitern“, so hießen 2005 eine Ausstellung im Brandenburgischen Kunstverein Potsdam, eine Aktion mit 8000 Krokussen vor dem Deutschen Reichstag und eine Betonskulptur in Mecklenburg-Vorpommern. Ungefähr zur gleichen Zeit zog er von Potsdam in den Norden, aufs Land. Dort hält er Schafe, die er selbst schlachtet. Dann wurde es still um Jörg Schlinke.

Wenn jetzt also „Cheek to cheek“ in der Schiffbauergasse gezeigt wird, ist das eine Wiederkehr. Hier stellte Jörg Schlinke in den 1990ern nicht nur seine Kunst aus, hier war er im Mai 1992 auch Mitinitiator der „Großen Aufführung“, der ersten Kulturveranstaltung im damals noch fast unerschlossenen Gelände.

Statt Beton ist Papier nun sein Material. Doch scheint auch durch dieses feine Liniengewirr die Unbedingtheit, der Humor früherer Arbeiten. Das Haar, mit dem Schlinke hier gearbeitet hat, gehörte einer seiner Töchter. Die Idee dazu kam ihm, als er es nach einer Party auf dem Boden fand: Sie hatte es sich selbst abgeschnitten. Ihn faszinierte an den Haaren die Form, die barocke Biegsamkeit, wie er sagt. Sentimental klingt das nicht. Und doch ist jedes Bild unübersehbar auch Reminiszenz an die, deren Haar hier Ausgangspunkt war. Dass der Titel „Cheek to cheek“ so zärtlich klingt: wohl kein Zufall.

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Einige Grafiken weisen rote Spuren auf: Blut. „Mein eigenes“, sagt Schlinke, „das musste schon sein.“ Sorgsam und professionell entnommen. Auf manchen Grafiken bilden schwarze Farbfelder Schamlippen, aus denen das Blut zu fließen scheint. Martialisch? Nein, sagt Jörg Schlinke, „natürlich“. Blut und Vagina: „Da müssen wir alle durch.“ Andere Grafikern zeigen, was danach im Leben kommt: Identitätsspiele. Als Geistlicher, Künstler, Soldat. Variationen dessen, was Schlinke „Erzählungen“ nennt. Märchen, um die Welt zu ordnen.

Schlinke sucht nicht den Schock, den Exzess wie der Aktionskünstler Hermann Nitsch, der mit literweise Tierblut arbeitet. Er sucht das Gegenteil, auch hier: Das, was er „Kultivierung“ nennt. Fremdeln und Scham angesichts des Körpers will er in etwas Normales, Schönes, Eigenes verkehren. Im Übrigen, sagt Schlinke, sei Kunst ja im Grunde immer: etwas Dreckiges, aus dem Neues entsteht. „Ein Keim.“

Eröffnung im Kunstraum Potsdam am 6. November, 14 bis 18 Uhr. Zu sehen bis 19. Dezember.

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