• Ausstellung im HPBG: Wasserflasche und Weizenbrötchen

Ausstellung im HPBG : Wasserflasche und Weizenbrötchen

Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zeigt junge Perspektiven auf Migration in Brandenburg und fragt: Worauf könntest Du bei einer Flucht verzichten?

Astrid Priebs-Tröger

Potsdam - Was, wie, wer und wo ist Heimat?  Das fragt die interaktive Ausstellung „Werkstatt Heimatkunde“, die am Freitagvormittag im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) eröffnet wurde. Etwa einhundert Jugendliche versammelten sich dafür im Gewölbesaal des HBPG. Denn sie waren es, die sich in künstlerisch-kreativen Workshops mit ihrer eigenen Biografie und der Migrationsgeschichte Brandenburgs beschäftigt und diese Ausstellung erarbeitetet hatten.

Unter ihnen waren die 17-jährige Maryam aus Ägypten, die seit zwei Jahren ohne ihre Familie in Deutschland lebt, die gleichaltrige Linnea aus Ebereschenhof und der 16-jährige Johannes aus Berlin. Sie arbeiteten ein Jahr lang am Projekt „Brandenburg in Bewegung“, das die Auseinandersetzung mit Einwanderungsgruppen, die die gesellschaftliche Vielfalt Brandenburgs historisch und aktuell prägen und prägten, beinhaltete.

Die Schülerinnen und Schüler des Da Vinci Campus aus Nauen besuchten historische Orte wie das Böhmische Weberdorf Nowawes oder erkundeten Spuren jüdischen Lebens in Potsdam. Mahmut aus Syrien und Hizbullah aus Afghanisthan sowie der 17-jährige Somalier Gerard stellten hingegen in vier künstlerisch geprägten Workshops ebenfalls Fragen nach der eigenen Herkunft, nach Heimat und Identität.

Die 17-jährige Lilly sagte, dass sie bis zu diesem Projekt gar nicht wusste, dass eine ihrer Großmütter ausländische Wurzeln hat. Erfahren hat sie das, weil sie dafür auch Familienmitglieder interviewte. Maryam aus Kairo hatte dazu keine Gelegenheit, weil ihre Familie ohne sie noch in Ägypten lebt. Die junge selbstbewusste Frau hat unter anderem ein Tape-Art-Plakat gestaltet, das sie „Prizon“ nannte. Es zeigt eine schwarze Hand, die von gelben und roten Linien eingeengt wird.

Maryam kennt ein Gefängnis zwar nicht aus eigener Anschauung, hat aber wie die anderen nach Deutschland geflüchteten Jugendlichen die mobilen metallenen Absperrzäune kennengelernt, die überall dort errichtet werden, wo Menschen aufgehalten werden sollen. Diese mannshohen Gitter bilden auch das sichtbare Rückgrat der Ausstellung. Sie sind an den Wänden aufgestellt, man muss durch Türen hindurchgehen und kann auch unter einem solchen Gitter durchklettern, um sich durch das labyrinthische Ausstellungsgelände zu bewegen.

„Wir wollten erfahrbar machen, wie es sich anfühlt, auf der Flucht zu sein“, so Maryam. „Worauf kannst Du verzichten?“, steht über zwei durchsichtigen Plastikkisten, die an der Wand hängen und in denen sich eine Wasserflasche sowie ein Weizenbrötchen befinden. Was kann man mitnehmen auf eine Flucht, neben dem absolut Lebensnotwendigen? Und: Findest du dich in neuen Ländern zurecht? Auch das fragten sich die eingeborenen und die neuen Brandenburger.

Die Schwierigkeiten des Zurechtfindens im neuen Land werden über eine Tafel mit zwölf Pappkärtchen, die an den Metallzaun geheftet sind, sehr sinnfällig vermittelt. Dort stehen unter anderem Begriffe wie „Rodina“, „Saudade“ oder „Ciudadania“ in der jeweiligen Schriftsprache. Und wer sich in Europa sprachlich ein wenig auskennt, kann sich zusammenreimen, dass dies Heimat, Sehnsucht und Staatsbürgerschaft bedeutet.

Was „Heimat“ auf Suaheli bedeutet, werden wohl die wenigsten wissen. Die jugendlichen Ausstellungsmacher, die mit Profis aus der Designbranche zusammenarbeiteten und von ihnen lernten, sind hingegen clever und solidarisch zugleich. Man kann die kleinen blauen Kärtchen umklappen, wenn man deren Inhalt nicht versteht und auf Deutsch die Bedeutung und die jeweilige Landessprache nachlesen. „Tanz ist Weltsprache“ steht an einer Wand und darunter sind unter anderem Videos von Breakdance-Workshops zu sehen. Sehr berührend ist das Bild, das Gerard aus Somalia gestaltet hat. Es zeigt einen Vogel mit einem großen roten Herzen. Er habe eine Taube kleben wollen, schrieb der 17-Jährige dazu. Eine, die die Liebe überbringt.

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„Werkstatt Heimatkunde“, bis 22. Juli im HBPG am Neuen Markt