• Ausstellung im Einstein Forum: Sehen in Zeiten des Smartphones

Ausstellung im Einstein Forum : Sehen in Zeiten des Smartphones

Wie verändern Bilder die Wirklichkeit?, fragt das Einstein Forum mit einem Symposium und einer Ausstellung.

Richard Rabensaat
Stetig unstet. Die Fotos in Claudio Langes Ausstellung „Sehen ist was anderes“ zeigen, wie flüchtig Bilder sind. Repro: J. Bergmann
Stetig unstet. Die Fotos in Claudio Langes Ausstellung „Sehen ist was anderes“ zeigen, wie flüchtig Bilder sind. Repro: J....

Der künftige US-Präsident Donald Trump steht morgens nie alleine auf, denn er hat 17 Millionen Follower in den sozialen Medien. Diese unterrichtet er gerne in Echtzeit darüber, was er gerade so treibt. „Das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit gerät durch die sozialen Medien erheblich ins Wanken“, konstatiert Matthias Kroß, Mitarbeiter beim Einstein Forum in Potsdam. Zusammen mit Dominic Bonfiglio, ebenfalls Mitarbeiter, hat er eine internationale Tagung „Über das Sehen“ organisiert. Wissenschaftler aus der ganzen Welt sind eingeladen, sich Gedanken über die Veränderung des Sehens in Zeiten visueller Umbrüche und jederzeitiger Verfügbarkeit beliebig vieler Bilder zu machen.

Während die physikalischen und biologischen Voraussetzungen des Sehens gut erforscht seien, befände sich die Kultur des Sehens und der Wahrnehmung im Umbruch, so die These von Kroß. „Wir benötigen eine Kritik der visuellen Vernunft“, sagt der Philosoph und Geschichtswissenschaftler. Denn während in vergangenen Zeiten manipulierte Bilder leicht zu erkennen waren, ist es heute kaum möglich, ein technisch perfekt mit Photoshop bearbeitetes Foto von einem Originalfoto zu unterscheiden. Auch die Nationalsozialisten waren sich der Macht der Bilder bewusst und inszenierten ihre Bilder von Fackelzügen, Massenaufmärschen und in Lichterdomen. Die so entstandenen Fotos manipulierten ein ganzes Volk und wirkten ins kollektive Gedächtnis der Welt. Dabei allerdings handelte es sich um öffentliche Bilder, um Inszenierungen. Die heutige Kultur des Sehens jedoch wird zusehends geprägt durch die Verwischung der Grenzen von privaten und öffentlichen Bildern. Ein Verteidigungsminister, der mit seiner Geliebten im Pool planscht, während seine Soldaten in Krisengebieten sterben, stolpert über die Verwechslung von Privatheit und Öffentlichkeit.

Fragen, die sich auch im Fall des Berliner U-Bahn-Treters stellen

„Wie verändern Bilder die gesellschaftliche Wirklichkeit?“, fragt Kroß. Was ist die Geschichte hinter den Bildern? Die Frage stelle sich auch derzeit, wenn auf Facebook nach dem „Berliner U-Bahn-Treter“ gefahndet werde. Wir vertrauen den Bildern, es seien wohl authentische Bilder echter Überwachungskameras, so Kroß. Aber woher nehmen wir diese Gewissheit? Wie der Blick auf die Welt das Weltbild und die Einschätzung der Gesellschaft prägt, hat schon der Philosoph Michel Foucault untersucht, für den das Gefängnis und der Narrenturm eine Metapher der modernen Gesellschaft waren. Inhaftiert oder untergebracht in einem Rundturm, in dem jede Zelle jederzeit von einem im Innern des Turmes befindlichen Wächter einsehbar ist, verliert der Einzelne vollständig die Kontrolle über seine Privatheit und sein Bild. Wie verändert dies den Menschen? Auch das fragt die Tagung. Es träfen bei der Produktion von Bildern das Bedürfnis nach Sicherheit, das sich in öffentlichen Überwachungsmaßnahmen artikuliert, und der Wunsch des Einzelnen auf Privatheit aufeinander. Wie die Wahrnehmung öffentlicher Bilder auf die Politik und die Gesellschaft einwirkt, untersucht auch Martin Schaad, der stellvertretende Direktor des Einstein Forums. Er nimmt die Bilder des Anschlages auf die Satire Zeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung über „die Entstehungsbedingungen der visuellen Übermittlung gleichsam subkutaner, emotionaler, politischer und diplomatischer Messages“. Hierbei geht Schaad detailliert auf das „Posing“ von Politikern in der Öffentlichkeit ein.

Schon immer haben Bilder von Gewalt und Kriegen aufgewühlt. Aber Smartphones mit der jederzeitigen Möglichkeit, das Geschehen einerseits unmittelbar zu filmen und den Film und die Bilder dann auch sogleich ins Internet zu stellen, schaffen eine ganz neue Möglichkeit, politische Bilder zu vervielfältigen, konstatiert Matthias Kroß. Er verweist auf die gegenwärtigen Bilder der Belagerung des Ostteils von Aleppo, wo Assad angekündigt hat, sich an den Rebellen rächen zu wollen. „Aber sind das alles echte Bilder? Die Bilder von Betroffenen hat niemand geprüft. Anders als bei einer journalistischen Recherche ist da niemand, der den Hintergrund ermittelt oder verschiedene Positionen abwägt“, sagt Kroß. Und so böten sich Informationsmöglichkeiten viel früher und umfassender, aber es träten auch neue Probleme zur Glaubwürdigkeit der Bilder auf. Wie trügerisch der Schein der Wirklichkeit ist, das wird auch der englische Hochschullehrer und professionelle Zauberer Peter Lamont mit seinem Vortrag erklären. Er spricht über das Schauen, das aber nichts sieht.

Wie wenig der Blick zu erfassen vermag, vermitteln die Fotografien der begleitenden Ausstellung von Claudio Lange. Wasseroberflächen, kräuselnde Wellen, Blätter auf spiegelnden Seen halten einen Moment der Wirklichkeit fest, der schon verflogen ist, wenn der nächste Windhauch über das Wasser gestrichen ist und die Bewegung der Oberfläche verändert hat.

Claudio Lange: „Sehen ist was anderes“ eröffnet heute um 19 Uhr im Einstein Forum (Am Neuen Markt 7). Details zum Symposium unter www.einsteinforum.de