• Ausstellung der Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Fieguth: Dem Einstein der DDR auf der Spur

Ausstellung der Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Fieguth : Dem Einstein der DDR auf der Spur

Es war ein Langzeitprojekt, das fast 30 Jahre dauerte: Solange begleitete die Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Fieguth den Physiker Hans-Jürgen Treder, der 2006 starb. Eine Ausstellung und ein Buch versammeln jetzt die entstandenen Porträts.

Die Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Fieguth hat den Physiker Hans-Jürgen Treder in einer Langzeitstudie begleitet. 
Die Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Fieguth hat den Physiker Hans-Jürgen Treder in einer Langzeitstudie begleitet. Foto: Monika Schulz-Fieguth

Leipzig, im Jahr 1979. Der Auftrag lautete: eine Persönlichkeit porträtieren, ein Langzeitprojekt für angehende Diplom-Fotografen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Eine der Studentinnen war Monika Schulz-Fieguth aus Potsdam. Ein Freund von ihr, der kürzlich verstorbene Hans Oleak, gab ihr den Rat, doch mal beim Direktor des Zentralinstituts für Astrophysik in Babelsberg, Hans-Jürgen Treder, anzufragen.

Der Physik-Professor lebe sehr zurückgezogen und gebe in seinen privaten Bereich kaum Einblick, so hatte der Freund, der Mitarbeiter Treders war, gesagt. Es könne ein nicht ganz einfaches Unterfangen werden. Das weckte die Neugierde Monika Schulz-Fieguths. Und sie hatte Glück. In ihrem Hochhaus in der Waldstadt lebte die Haushälterin des Professors, seine „Bedienerin“, wie er sie nannte. Die Studentin fragte bei ihr an, ob sie einen Besuch für ratsam hielte. Am besten wäre, wenn sie morgens um 6 Uhr mit zu Treder käme und ihn um einen Termin bitten würde, riet die Haushälterin.

Rund 40 Bilder entstanden seit Ende der 1970er Jahre

So kam es, dass Monika Schulz-Fieguth in aller Herrgottsfrühe bei Treder erschien und ihn fragte, ob sie ihn fotografieren dürfe. Die Reaktion: „Was? Frühmorgens um sechs?“ Doch Treder ließ sich schließlich vom Charme der jungen Frau überrumpeln. Zu dieser „Vergewaltigung“ könne er nicht Nein sagen. Das fotografische Langzeitprojekt war geboren. Der „Einstein der DDR“ stand fortan fotografisch unter Beobachtung.

Im Urania-Haus Potsdam ist jetzt eine Ausstellung mit den Treder-Fotografien von Monika Schulz-Fieguth zu sehen. Rund 40 Bilder machen mit dem vor 90 Jahren in Berlin geborenen und 2006 verstorbenen Wissenschaftler bekannt, der als führender theoretischer Physiker und Astrophysiker der untergegangenen DDR galt und heute fast vergessen ist. „Seine Lebensleistung lässt sich zwar nicht mit der seines großen Vorbilds Albert Einstein oder anderer Bahnbrecher der modernen Physik vergleichen“, schrieb der Berliner Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann. „Doch hat Treder insbesondere in seinem frühen Schaffen die Gravitationsphysik auf hohem Niveau betrieben und bereichert, sodass er für Leopold Infeld, einstiger Mitarbeiter Einsteins, der ,beste Relativist der DDR’ war.“ Treder zog sich Ende der 1980er-Jahre mehr und mehr aus der Forschung zurück und wandte sich der Wissenschaftsgeschichte zu.

Die Fotos zeigen den jungen Wissenschaftler und den greisen Mann

Monika Schulz-Fieguth wollte mit ihren Fotografien dem Menschen auf die Spur kommen. Zwischen den ersten Aufnahmen im Jahre 1978, auf denen der 50-Jährige mit fast naiver Neugierde in die Kamera schaut, bis zu den letzten Porträts von 2006, auf denen der schwerkranke und stark abgemagerte Treder zu sehen ist, gibt es eine ganze Reihe von Fotografien, die den Wissenschaftler bei der Vorlesung, im privaten Umfeld oder bei Ehrungen durch die SED-Oberen zeigen. Oftmals hat der weltfremd wirkende etwas merkwürdig Skurriles an sich. Dann erregt er wieder Mitleid, wenn der Alltag ihm Schwierigkeiten bereitet. Monika Schulz-Fieguths Bilder zeigen Treder mit großer Authentizität und Ehrlichkeit. Sie vermitteln in verdichteter Form das Charakteristische besonderer Situationen und Momente. 

Das Langzeitprojekt über Treder sollte mit der Veröffentlichung eines Buches im Aufbau Verlag Berlin Ende der 1980er-Jahre seinen Höhepunkt erfahren. Alle Vorbereitungen für den Druck waren bereits abgeschlossen. Doch mit der politischen Wende 1989 kam das Aus für das Buchprojekt. Das hatte auch etwas Gutes: So konnte Monika Schulz-Fieguth Treder noch bis zu seinem Tod 2006 fotografisch begleiten. Mit großem Engagement hat sie sich in letzter Zeit für eine Buch-Edition eingesetzt. Mit Erfolg. Im Eigenverlag ist das Projekt mit Hilfe der Förderung der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. und privaten Unterstützern erschienen.

Das Buch nimmt inhaltlich und visuell für sich ein

Ein Buch ist entstanden, das neben der hohen inhaltlichen Qualität auch durch die visuelle Gestaltung (Dieter Wendland) sehr für sich einnimmt. Die Wissenschaftshistoriker Klaus Mauersberger und Dieter Hoffmann sowie der Fotografie-Historiker Andreas Krase bereichern das Buch mit wertvollen Beiträgen. So befragt Klaus Mauersberger die Fotografin nach ihren Begegnungen mit Hans-Jürgen Treder, die sich zu einem freundschaftlichen Verhältnis ausweiteten. Andreas Krase untersucht den Habitus und die Gestalt Treders im fotografischen Porträt und Dieter Hoffmann beleuchtet den besonders zu DDR-Zeiten hoch angesehenen Wissenschaftler in einer differenzierten Würdigung. Alle am Buch Beteiligten sind sich jedoch einig: Eine umfassende Wertung und Einordnung der wissenschaftlichen Lebensleistung Treders steht noch aus. Klaus Büstrin

„Hans-Jürgen Treder – ein Porträt“, bis 15.11. in der Urania, Gutenbergstraße 71/72. Das gleichnamige Buch kann für 35 Euro per E-Mail an [email protected] bestellt werden