Kultur : Ausgedünnt

„Arche“: Christliche Motive in der Literatur

Gerold Paul

Anfang Mai beschäftigte sich der Schriftsteller Martin Mosebach in der „arche“ mit der Frage, was denn „katholische Literatur“ sei. Er zählte „die größten Werke des Westens“, Dante und Chaucer, Wolfram und Tasso, Rabelais und Cervantes mit der Begründung dazu, dass der damals Europa-beherrschende Katholizismus („niemals in Frage gestellte Gewissheit“) den Humus für jedwedes Dichten und Trachten abgegeben habe. Zu den „katholischen Autoren“ des 20. Jahrhunderts zählte er James Joyce und Marcel Proust.

Die „arche“-Schiffer bewiesen Kontinuität, als sie dieses Thema mit dem Vortrag „Christliche Motive in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ fortsetzten. Der Eichstätter Referent Norbert Clasen sortierte zuerst einmal, wer in den letzten dreißig Jahren was geschrieben hatte: In den Werken von Peter Härtling, Tankred Dorst, Urs Widmer, Günter Grass, Gerhard Roth oder Christa Wolf fand er „weniger Christliches“ als bei Johannes Bobrowski, Marie Luise Kaschnitz, Gabriele Wohmann, Eva Zeller oder Kurt Marti. Er beklagte einerseits die zunehmende Geringschätzung bekannter Namen am katholisch-theologischen Gegenstand, weil da „vordergründig von Gott nichts zu lesen“ sei, andererseits das „Auswandern“ christlich orientierter Autoren aus den großen Verlagen.

Religiöses Schreiben ist für den Redner, „was Christen bis heute als Heil ersehnen: Aufgehobensein in einem göttlichen ,Du’, Erlösung von Schuld, Ergriffensein vom Wunder der Schöpfung und von der Hoffnung auf Vollendung". Vor diesem Hintergrund ist es tatsächlich erstaunlich, wie die Großen mit den zentralen Themen des Glaubens umgehen: „Zynisch, destruktiv, persiflierend" erscheint Clasen das Werk von Günter Grass auch nach dessen Kirchenaustritt 1974. „Die Rättin“ erzählt von einer „verpfuschten Schöpfung“, letztlich vom „Scheitern des Menschengeschlechts“: Wer zweimal selbst den Glauben (Kirche, NS-Ideologie) verlor, befindet wohl so, meinte der Redner. Ernst Jandl wurde dazugezählt, weil er in seinem verdrehten Glaubensbekenntnis Gott den „Vater des Verderbens“ nannte, auch der jüdische Autor und Tabuverletzer George Tabori.

Günter Grass stelle im „Butt“ die Kommunion als Geschlechtsakt dar, Friedrich Dürrenmatt den Weltuntergang als Komödie – bei Max Frisch ist er sinnigerweise „Teil des Kulturbetriebes“. Schon Wolfgang Borchert hatte Gott ohnmächtig beim Menschenschlachten zusehen lassen: „Draußen vor der Tür“.

Weit entfernt von jenem Respekt, den Hölderlin, Novalis, aber auch Heinrich Böll („Brot der frühen Jahre“) oder Reinhold Schneider Gott und der Schöpfung zollten, überwögen in der Gegenwartsliteratur also eindeutig „destruktive Tendenzen“. „Die Kirche“, so der Referent, habe ihren „kulturbestimmenden Charakter“ verloren, das Christliche werde „zunehmend geringgeschätzt“. Die Welt hat den alles befruchtenden Humus längst kräftig verdünnt, es gibt heute viele Alternativen zum kulturellen Katholizismus – die Literatur zum Beispiel. Gerold Paul

Nächster Vortrag in der „arche“, Am Bassin 2, am Dienstag, 2. Januar um 19.30 Uhr: Die katholischen Schulen in Potsdam und Babelsberg 1739 bis 1939. Es spricht Michael Kindler