Kultur : Aus Kindern werden Leute

Montelinos „Zwischenzeit“ hatte in der Reithalle A Premiere

Astrid Priebs-Tröger

Diesmal erwartete die Besucher kein gelb-blau-gestreiftes Zirkuszelt. Und auch sonst war einiges anders als sonst bei den Vorstellungen des Potsdamer Kinder- und Jugendcircus Montelino. Denn am Samstagabend lud das vor fünf Monaten entstandene Jugendvarieté – 30 Montelino-Artisten zwischen 12 und 19 – zur Premiere von „Zwischenzeit“ ein. Erstmals eine Premiere im Winterhalbjahr und auch zum ersten Mal in der Reithalle A des Hans Otto Theaters.

Die Jugendlichen, manche sind schon seit den Anfängen von 1998 mit dabei, wollten selbst was auf die Beine stellen, erzählt die Regisseurin Gela Eichhorn. Die ersten Ideen und Improvisationen dazu entstanden im Herbst. Auf jeden Fall sollte die Inszenierung, eine Collage aus Artistik und Theater, ganz viel mit ihren eigenen alltäglichen „Zwischenzeit“-Erfahrungen und -gefühlen zu tun haben. Und so suchen gleich zu Beginn und dann die ganze Vorstellung hindurch die zwei Clowns Herr Dr. Feldtkeller und Herr Meckel nach ihrem Platz in dem „ganzen Theater“. Auf der Bühne stehen dafür zehn unterschiedliche Holzstühle zur Auswahl bereit. Doch beide Clowns haben die gleiche Platzkarte in der Tasche. Das heißt? Sich streiten, sich einigen, weiter suchen oder einfach gelassen bleiben? Oder sich etwa zwischen zwei Stühle setzen?

Keine leichte Entscheidung für jemanden, der gerade in den Flegeljahren ist. Kein Kind mehr sein und doch noch nicht erwachsen. Eltern, Großeltern und jüngere Geschwister, die zur Premiere erschienen waren, wussten sofort, wovon die Rede ist. Egal, ob es sich um die dazugehörigen Stimmungsschwankungen oder die erste zarte Annäherung ans andere Geschlecht handelte. Balzverhalten, Anziehung und Abstoßung – alles Themen, die sich wunderbar in Partnerakrobatikdarbietungen zeigen lassen. Klasse die kleine Szene zwischen IHM und IHR und dem roten Stuhl. Oder der in grüne Augen verliebte Radfahrer, der dann irgendwann ganz in eben diese Farbe gekleidet, jedoch mit IHM auf dem Gepäckträger, durch die Arena radelt.

Aber auch Machogehabe, Teamgeist, Erfolg und Niederlage werden thematisiert. Immer mit ironischem Augenzwinkern, jugendlichem Charme und manchmal einer gehörigen Portion Übermut. Und natürlich, wir sind beim Zirkus, mit sehr viel Körperbeherrschung und Kraft. Am Schlappseil, am Tuch-Trapez oder auf Einrädern. In einer auf“ s Wesentliche reduzierten Formensprache. Auch die Kostüme von Imke Schubert und Claudia Misch sind eher schlicht und nicht mehr kindlich verspielt. Nicht zuletzt gibt es da noch diesen wunderbaren „König Florian“, einen Diabolo-Spieler mit Down-Syndrom. Für alle Beteiligten sicher der emotionale Höhepunkt der 90-minütigen Vorstellung und ein schönes Bild für den Geist, der die gesamte Zirkusmannschaft beseelt.

Die augenscheinlich ältesten Akrobaten, die ihre Adoleszenz beinahe schon hinter sich gelassen haben, setzten im Finale eine sehr reife Darbietung als Schlusspunkt. Nicht nur, was die artistische Leistung sondern vor allem was die gefühlsmäßige Ausstrahlung anging. Ihr „Tanz zu dritt“ zeugte schon von einer großen Portion Beziehungserfahrung. Langanhaltender herzlicher Beifall für das sehr gelungene Debüt des Jugendvarietés, an dem auch viele Eltern und andere Unterstützer unter der Gesamtleitung von Karin Lorenz mitgewirkt haben.Astrid Priebs-Tröger

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