Kultur : Aus dem Leben gegriffen

Sigrun Casper las zum Auftakt des Kulturwinters im Café am Wasserspielplatz im Volkspark

Astrid Priebs-Tröger

Das Café im (Buga-)Park zieht im Sommer scharenweise erholungssuchende Besucher an. Jedoch bei Dunkelheit und nasskaltem Schmuddelwetter macht man sich nicht so leicht auf den Weg dorthin. Und doch wollen die Betreiber diesen Ort das ganze Jahr beleben und bieten jetzt im Winter vorzugsweise Musikalisches und auch einige Lesungen an.

Am Freitagabend war die Berliner Autorin Sigrun Casper zu Gast. Casper, die erst in der Lebensmitte ihr erstes Buch veröffentlichte, las vor einem überschaubaren Publikum vor allem amüsante Kurzgeschichten und sprachlich ausgefeilte Miniaturen über die „Zweisamkeit und andere Wortschätzchen“. Ziemlich schnell hatte sie die Zuhörer in ihren Bann gezogen, denn die geistreichen Geschichten waren mitten aus dem Leben gegriffen und kamen zumeist ohne große Umschweife auf den Punkt.

Hatte Sigrun Casper die Lesung mit einer poetisch-sinnlichen Kindheitserinnerung um ein Mädchen und deren besondere Beziehung zu einem Apfelbaum begonnen, gelangte sie sehr bald mitten hinein ins pralle Beziehungsleben. „Dauerhafte Damen“, eben solche „Herren“, aber auch sensible „Männer“ und bedauernswerte „Querköpfe“ tummelten sich in den kurzen und sehr rhythmischen Prosastückchen. Dabei merkte man schnell, dass die frühere Pädagogin sowohl eine vorzügliche Menschenkennerin ist als auch großen Spaß am Beobachten und viel Lust am Fabulieren hat. Und am Vorlesen auch.

Als sich die Zuhörer zu einem selbstgewählten Buchstaben, von A wie „Anders“ bis Z wie „Zweisamkeit“, die jeweilige Geschichte wünschen durften, hatte alle Seiten noch mehr Vergnügen daran. Auch eine ziemlich skurrile Erzählung von einem Gemüsehändler mit einem schönen braunen Auge hatte die Schriftstellerin als Manuskript dabei: Eine sehr genaue Alltagsschilderung mit erotisch-sinnlichem Hintergrund. Und diesem Auge, „das durch den dicksten Stoff dringt, das zuckert, blinkt und schmiert“ und so gar nicht vom Objekt seiner Begierde lassen kann. Selbst als sein Träger unsanft ins Jenseits befördert wird. Genauso überraschend die Begegnung, die in „Der Mann mit der Stirn“ beschrieben wird. Aber: Hat diese überhaupt stattgefunden oder existierte nur der Wunsch danach? Der Autorin gelang es, mit psychologischer Raffinesse vor allem in dieser Erzählung bis zum Schluss einen seltsamen Schwebezustand aufrecht zu erhalten. Das ganze Gegenteil davon, nämlich sehr lebensprall und direkt waren zum Abschluss die Bekenntnisse von Lotte über ihre Liebhaber der unterschiedlichsten Kategorien.

Summa summarum: Der Auftakt des „Kulturwinters“ war gelungen.

Astrid Priebs-Tröger

Am 9. Februar lesen sieben Autorinnen aus „Ein Schweif am Winterhimmel“.

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