Kultur : Auf der Couch mit Anne Clark

„Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow“ versucht ein Porträt der New-Wave-Ikone

A. Lütkewitz
Die Jacke täuscht.
Die Jacke täuscht.

Zufrieden wirkt Anne Clark, wie sie da auf der gemütlichen Couch sitzt. Es herrscht Wohnzimmeratmosphäre, sie trägt eine rosafarbene Strickjacke, sie lächelt.

Dass die Musikerin mit Beginn ihrer Karriere in den 1980er-Jahren vor allem bei deutschen Anhängern des New Wave und in der Gothic-Szene zur Ikone wurde, ist in diesem Moment schwer vorstellbar. Doch so zeigt Filmemacher Claus Withopf die Künstlerin in einer Szene seines Porträts „Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow“: ganz alltäglich. Diese Fans der düsteren Kleidung und Musik und die Musikerin scheinen hier so gar nicht mehr zusammenzupassen.

Doch dieser Eindruck täuscht. Anne Clark sagt in dieser Szene: „Ich habe Punk Rock und New Wave viel zu verdanken. Wenn es diese damals nicht gegeben hätte, dann hätte ich keine Chance gehabt.“ Und sie meint: Keine Chance mit Songs wie „Weltschmerz“ oder „Poem for a Nuclear Romance“, keine Chance auf das Gehörtwerden mit Themen menschlicher Ängste, Abgründe und Widersprüchlichkeiten. Der experimentelle Zeitgeist der 1980er-Jahre jedoch beschert ihr 1984 sogar große Charterfolge mit „Our Darkness“ und „Sleeper in Metropolis“.

Musikalisch hat sich Clark immer wieder verwandelt, von wabernden Synthesizer-Sounds über akustische Arrangements bis hin zu Weltmusik. Ihr Sprechgesang aber, ihr klares, klingendes Englisch, mit dem sie ihre poetischen Texte auf die Bühne bringt, bleibt unverwechselbar – zusammen mit der Melancholie, die ihr Gesamtwerk durchzieht. Die schwarz gekleideten Fans, sie kommen deshalb immer noch zu Live-Auftritten, und neuerdings auch in die Kinosäle, durch die Withopfs Film seit Jahresbeginn tourt.

Ein Relikt der in der Mode scheinbar unkaputtbaren 1980er-Jahre aus Anne Clark zu machen, das jedoch erspart Withopf dem Zuschauer, glücklicherweise. Zwar zeigt er sie im Hier und Jetzt oft in der Retrospektive, nähert sich dabei aber auf sensible und tiefgründige Weise ihrem Schaffen, vor allem ihrer Poesie.

Zehn Jahre hat Withopf an diesem sehr intimen Porträt gearbeitet. Es gibt Einblicke in Clarks Kindheit, ihre ersten Schritte als Musikerin und sogar in ihre Auffassung von Sexualität. 1960 im südenglischen Croyon geboren, wächst sie im rauen Arbeitermilieu auf, erlebt zu Hause Streit und Gewalt, fühlt sich in erster Linie „zu Menschen, nicht zu Männern oder Frauen“ hingezogen. Ein Hilfsjob in einer psychiatrischen Klinik, in der sie Misshandlungen von Patienten durch Personal erlebt, inspiriert sie zum Schreiben von Gedichten – ein Erlebnis, das zum Schlüssel für die poetischen Gedankenwelten Clarks wird. Abgewechselt werden diese erhellenden Rückblicke mit Konzertsequenzen, Einblicke in Proben mit ihrer deutschen Band oder Naturaufnahmen, die unter visualisierte Textzeilen gelegt werden. Letzteres sieht sich zeitweise anstrengend an, aber die Botschaft – seht her, wie kunstvoll Clark textet! – kommt an.

Heute wird „Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow“ im Thalia Kino gezeigt. Ursprünglich wollte Clark bei einer Vielzahl der Vorführungen im Sommer persönlich vor Ort sein, auch in Potsdam. Am Sonntag jedoch verkündete Anne Clark auf ihrer Facebook-Seite, dass sie alle Termine absagen müsse. Aus „unvorhersehbaren Umständen“, wie sie dort schreibt.

Schade, denn Fragen an die Sängerin hätte es einige gegeben. Zum Beispiel, ob es der Ikone der „Schwarzen Szene“ bekannt ist, dass ein großes Grufti-Treffen auf dem Belvedere Pfingstberg im Jahr 1988 als Vorläufer des alljährlichen Wave-Gotik-Treffens in Leipzig gilt, bei dem sie selbst schon mehrfach zu Gast war. Regisseur Claus Withopf wird jedoch im Thalia zum Filmgespräch anwesend sein. Wer es nicht hinschafft, kann sich den Film ab dem 14. September auf DVD oder Blu-Ray anschauen. Zusammen mit Anne Clark auf der Couch. A. Lütkewitz

„Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow“, Filmgespräch heute um 17.30 Uhr im Thalia-Kino, Rudolf-Breitscheid Str. 50

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