Kultur : Auf den Sockel gestellt

Mascha Kaléko in der Stadt- und Landesbibliothek

Astrid Priebs-Tröger

Wer ihre Gedichte kennt, der liebt sie. Oder, um die „Emma“ zu zitieren: Nach Mascha Kaléko kann man süchtig werden. Leider kennen sie nicht so viele. Doch seit ein paar Jahren wird die Lyrikerin, durchaus in einem Atemzug mit Erich Kästner oder Kurt Tucholsky zu nennen, in Deutschland wiederentdeckt. Mascha Kaléko, 1907 als Tochter jüdischer Eltern in Galizien geboren, fand in den 20er Jahren Anschluss an die literarische Bohéme in Berlin. Bereits 1938 musste sie emigrieren und konnte nie wieder an den Erfolg dieser „paar leuchtenden Jahre“ anknüpfen.

Im Rahmen der 17. Brandenburgischen Frauenwoche präsentierte die Stadt- und Landesbibliothek eine lyrisch-musikalische Inszenierung anlässlich des 100. Geburtstages der Dichterin. Die Schauspielerin Paula Quast und der Komponist Lech Wieleba reisen seit Jahren mit ihrem Programm „sie sprechen von mir nur leise ...“ quer durch Deutschland. Wo sie auch hinkommen, ernten sie Begeisterung für ihre kammerspielartige Aufführung. In Potsdam erlebte man indes einer zum Ritual erstarrten Vorstellung. 90 Minuten lang wurden jeweils einzelne Gedichte im steten Wechsel mit kurzen Musikstücken auf dem Kontrabass weihevoll zelebriert. Sehr schöne und tiefsinnige Verse und sehr schöne und tiefsinnige Musik. Die Motive der Heimatlosigkeit, des Fremdseins und des am Randestehens zogen sich wie ein roter Faden durch die streng chronologisch komponierte Inszenierung. Zwischen den Rezitationen gab es Pausen und die Schauspielerin trank literweise klares Wasser. Unklar, ob das zur Inszenierung dazu gehörte. Ein elegischer Grundton hielt alles zusammen. Das Publikum lauschte dennoch andächtig.

Mascha Kalékos Texte sind jedoch gerade heute so entdeckenswert, weil sie nicht nur so was „abgeklärt Melancholisches“, wie schon Thomas Mann feststellte, haben, sondern weil ihre Gedichte auch mit viel Witz und Frechheit, Leichtigkeit und Lakonismus gesegnet sind. Oder, wie schon Anna Rheinsberg in der „Welt“ schwärmte: „Sie weiß auf alles eine Antwort: Laufmaschen, Halsweh, Eifersucht und billige Cafés - nichts ist ihr fremd. ... Sie ist eine Philosopin der kleinen Leute ... eher herb und sehr gescheit.“

So hätte man sich gewünscht, mehr Texte wie die vom „Fettnäpfchentreter“, dem „Beamten vom Schalter 9“ oder den „Damen unter sich“ zu hören und der scharfen Beobachterin mit der spitzen Zunge nicht so angestrengt würdevoll über die Schulter schauen zu müssen. Oder auch gern erfahren, vor allem in Berlinnähe, dass Mascha Kaléko gerade diese Großstadt mit der fast schon sprichwörtlichen dazugehörigen Schnoddrigkeit bedichtet hat. Und nicht zuletzt liebend gern auch über ein paar Limericks oder Kinderverse á la Kaka-du und Kaka-sie geschmunzelt. Aber: Man blieb durch die Vortragsweise von Paula Quast und den angeschlagenen Grundton distanziert und hätte sich genervt abgewendet.

Wenn, ja wenn da nicht Mascha Kalékos Worte gewesen wären. Klar und verständlich. Mit Poesie und Tiefe.

Astrid Priebs-Tröger

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