Kultur : Appell zum Gutsein

Sozial-präventiv: Premiere von „Sonderangebot“ der Berliner Spielwerkstatt im Potsdamer Alten Rathaus

Astrid Priebs-Tröger

Es spielt in einem Supermarkt: Eine betagte Dame, ein selbstbewusster Rollstuhlfahrer, ein kraftstrotzender Neonazi und ein jugendlicher Straftäter treffen zusammen. Durch einen plötzlichen Stromausfall können sie sich nicht, wie so oft im „normalen Leben“, aus dem Weg gehen. Sie müssen gemeinschaftlich handeln, um sich aus ihrem „Gefängnis“ zu befreien. Und ausgerechnet der Nazi hat den Schlüssel dafür.

Doch wer ist eigentlich ein Nazi?, fragt „Sonderangebot“, die „sozial-präventive Gesellschaftssatire“ der Berliner Spielwerkstatt, die am Wochenende im Alten Rathaus Premiere hatte.

Erst einmal prallen alle gegenseitigen Vorurteile direkt und lautstark aufeinander. Klar wird, hier ist keine Kommunikation möglich. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung lässt dieser Nazi dann doch noch hinter seine martialische Fassade blicken und verwandelt sich unerwartet in den netten Jungen von nebenan. Mit New-Balance-Turnschuhen und Strubbelfrisur. Weiß man mehr über ihn, wenn man erfährt, dass er im Internet Unsummen mit dem Vertrieb von Klingeltönen und CDs mit gar nicht netten Inhalten verdient?

Doch dann kommen zwei „Katalysatoren“ ins Spiel: Das schlechte und das gute Gewissen. Diese beiden, an den Jackettärmeln „zusammengewachsenen“ Figuren führen durch die locker daherkommende, satirisch überzeichnete Beschreibung des momentanen Gesellschaftszustandes. Sie werden die Spielmacher dieser musikalischen Revue (Musik: Ralf Pel) in der schnittigen Inszenierung von Heike Hanefeld. Neun kurze Szenen folgen aufeinander, an jede wird ein netter Song gehängt. Der dem Publikum z. B. erklärt, „wie die Alten sind“ und „wie man sich als Helfer fühlt“.

Doch leider kommt es bei dieser Darstellungsweise der an sich interessanten „Versuchsanordnung“ (Buch: Andreas Böge) kaum zu wirklichen Reibungen und Entwicklungen der Figuren. Zum Ende rät dann die alte Dame das „Aufeinanderzugehen“ an, und das gute und schlechte Gewissen weisen einen Weg dazu: „Nimm dir Zeit, sei zum Helfen bereit!“ Das begeisterte zwar die zahlreich erschienenen Premierenbesucher, wirkte aber nicht so sehr als Metapher, sondern eher als pädagogischer Fingerzeig. Dieser Eindruck verstärkte sich noch durch die hohe Bühne im Alten Rathaus und das Titelbild des Programmzettels: alte Dame mit erhobenem Zeigefinger vor Neonazi.

Ob und wie so ein gut gemeintes, besonderes Angebot von Kindern und Jugendlichen, vor allem von solchen, die dem „Gutsein“ gerade nichts abgewinnen können, angenommen wird, muss sich erst noch zeigen. Denn die engagierte und kurzweilige Inszenierung soll mit Videokameras dokumentiert und in Ausschnitten in den EJF- eigenen Kinder- und Jugendeinrichtungen gezeigt und mit pädagogischer Begleitung von den Adressaten selbst weitergestaltet werden.

Das einstündige Theaterstück ist eine Auftragsproduktion für die EJF-Lazarus Gesellschaft, eines großen diakonisch-sozialen Trägers, der hauptsächlich in den neuen Bundesländern und in Bayern sowie in den polnischen und tschechischen Grenzgebieten arbeitet und unter dem Motto „miteinander – füreinander“ der tätigen Nächstenliebe verpflichtet ist.

Mit der Beauftragung eines professionellen Kinder- und Jugendtheaters, der Berliner Spielwerkstatt, will die EJF-Lazarus Gesellschaft neue und ungewöhnliche Wege in der sozialen Arbeit zur Prävention von Gewalt und Rechtsextremismus, insbesondere bei Jugendlichen gehen. Astrid Priebs-Tröger

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