Kultur : Am Ende des Stummfilms

Filmklassiker vorgestellt: „Der geheime Kurier“ – Eine internationale Stendhal-Verfilmung von 1928

Franck Lubet

Vor allem Babelsberger Filmgeschichte wird im Filmmuseum gehegt und gepflegt. Das heißt, die vielfältigen Dokumente, Kostüme, Technik, Nachlässe werden gesammelt und dem Publikum präsentiert. Und natürlich kommen cineastische Kostbarkeiten zur Aufführung. In unserer Serie „Filmklassiker vorgestellt“, die gemeinsam mit dem Museum entstand, stellt Franck Lubet, Mitarbeiter der Cinémathèque de Toulouse „Der geheime Kurier” von Gennaro Righelli vor, der am 14. Mai um 20 Uhr im Rahmen eines von der Robert Bosch Stiftung geförderten Austauschs mit der Cinémathèque de Toulouse im Filmmuseum zur Aufführung kommt.

In seiner deutschen Original-Version mit dem Titel „Der geheime Kurier“ nicht mehr für Kinovorführungen verfügbar, besticht die gekürzte französische Fassung durch ihren modern anmutenden, schnelleren Erzählrhythmus. Ihr Titel „Le Rouge et le Noir“ verweist eindeutig auf die Adaption eines der wichtigsten Romane der französischen Literatur, Stendhals „Rot und Schwarz“. Dennoch ist der Film weit von Stendhals Hauptwerk entfernt, das vielmehr für das Kino umgeschrieben als adaptiert wurde: Madame de Renal hat im Film keine Kinder, Julien Sorel beginnt seinen sozialen Aufstieg nicht als Hauslehrer und beendet sie auch nicht am Galgen, sondern bei einer Barrikade der Revolution von 1830, die noch nicht stattgefunden hatte, als der Roman veröffentlicht wurde … Dies sollte jedoch nicht stören. Wie so oft bei Kinoadaptionen sollte das Interesse weniger der Texttreue als dem Film gelten.

1928 gedreht, steht „Der geheime Kurier“ für das Ende des Stummfilms, eine Zeit, in der das Kino sehr international war: Ein Hauptwerk der französischen Literatur. Ein italienischer Regisseur, Gennaro Righelli, Pionier des italienischen Kinos. Außerdem zwei große internationale Stars. Lil Dagover, die man hier nicht weiter vorstellen muss. Allein ihr Name reicht, um an Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau und die Hochzeit der UFA zu erinnern. Und Iwan Mosjukin, russischer Schauspieler, Star des vorrevolutionären russischen Kinos, der nach der bolschewistischen Revolution nach Paris geflüchtet war und in Frankreich sehr berühmt wurde. Man nannte ihn den slawischen Rudolph Valentino.

Deutsche, französische, italienische, russische Anteile. Dieser Eklektizismus findet sich auch formal im Film wieder. Weit entfernt vom psychologischen Roman, den Nietzsche Stendhal neidete, gelingt Righelli mit „Der geheime Kurier“ ein Abenteuerfilm, der mit Fechtkämpfen genauso aufwartet wie mit einem bürgerlichen Ehebruchszenario und vom Mantel- und Degenkino mit etwas Klassenkampf-Beigeschmack bis zur Märtyrer-Tragödie alle Register zieht. Und all das in rasanter Geschwindigkeit. Leicht könnte man also befürchten, dass es sich um einen geflickschusterten Film handelt. Dem ist nicht so. Mit Hilfe der Décors von Otto Edermann (später arbeitet er für die DEFA) und der herausragenden, bewegten Kamera von Friedrich Weinmann, unterhält uns Righelli bestens nach Art des Abenteuerfilms aus Hollywood – und zwar mit einem Sorel als bürgerlichem Casanova (eine Figur, die Mosjukin ein Jahr zuvor im gleichnamigen Film von Alexander Volkoff gespielt hatte).

Kurz und gut: ein Film, der die Mittel der Narration beherrscht, mit einigen besonders gut arrangierten Szenen wie der Feier, wenn Sorel in den Adelsstand erhoben wird, die allein genommen schon absolut sehenswert wäre. Ein hervorstechender Film, wie er nur kurz vor den großen Umwälzungen durch den Tonfilm entstehen konnte. Franck Lubet

Der geheime Kurier, Stummfilm mit Livemusik, zu sehen am kommenden Freitag um 20 Uhr, an der Welte-Kinoorgel: Helmut Schulte. Anschließend: Empfang im Foyer.