Kultur : Am Abgrund, und darüber hinaus

Stefan Otteni inszeniert bei seinem Potsdamdebüt abgründig-meisterhaft „Waisen“ von Dennis Kelly

Dirk Becker
„Da draußen gibt es kein Gesetz. Wir sind auf uns gestellt.“ Immer wieder warnt Marco (Alexander Finkenwirth, l.) seine Schwester Nicole (Franziska Melzer) und Christian (Raphael Rubino). Doch beide ahnen, dass er mehr verbirgt, als er anfangs zugeben will.
„Da draußen gibt es kein Gesetz. Wir sind auf uns gestellt.“ Immer wieder warnt Marco (Alexander Finkenwirth, l.) seine Schwester...Foto: HL Böhme

Am Ende hilft auch Nähe nicht mehr, nicht einmal die leichte Berührung der Hände. In Christian ist etwas zerbrochen. Er, dieser Bär von einem Kerl, der zuvor immer wieder und immer verzweifelter die Nähe zu Nicole gesucht hat, der immer mehr und immer verzweifelter in den gemeinsamen Umarmungen verschwinden wollte, kann Körperlichkeit nicht mehr ertragen. Als Nicole seine Hand nehmen will, sagt er nur: „Fass mich nicht an.“ Nicht böse, nur resigniert, sodass seine Worte noch viel schmerzhafter wirken. Dann beginnt Christian zu erzählen. Von dem kleinen muffigen Schuppen, den Wunden, dem Blut, der Angst, die zu spüren und zu riechen war. Und davon, wie er selbst zum Täter wurde.

„Ich hab das gemacht, ich“, sagt Christian.

Wie Raphael Rubino auf der Bühne in der Reithalle steht und in der Rolle des Christian zwar nicht allein, aber doch wie verlassen vom Verlust seiner moralischen Unschuld erzählt, das hat etwas Überwältigendes, Erschütterndes. Es ist einer dieser Momente, in dem man die berüchtigte fallende Stecknadel hätte hören können. Rubino erzählt mit der bebenden Ruhe eines Menschen, der noch immer überrascht wird von dem, was ihm passiert ist, der immer noch nicht glauben kann, glauben will, dass ihm das passiert ist. Und während Rubino spricht und das Grauen detailliert ausbreitet, türmen sich Gewalt und Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit, all das Abgründige im Menschen vor dem Zuschauer auf, um ihn mit sanfter, aber unerbittlicher Wucht zu begraben. Und man sitzt da, fassungslos, wehrlos und fasziniert.

„Waisen“ ist der Titel des Stückes, in dem Raphael Rubino so erschreckend meisterhaft das dunkle Menschenloch Seele offenlegt. Am Donnerstag hatte es in der gut besuchten Reithalle Premiere. Es war die vorletzte Premiere in dieser Spielzeit am Hans Otto Theater. Und was an diesem Abend schnell klar wurde:  Es ist eine der herausragendsten Inszenierungen dieser Spielzeit!

Der Londoner Dramatiker Dennis Kelly hat „Waisen“ geschrieben. Und wie schon in „Schutt“, „Osama der Held“ oder „Liebe und Geld“ durchmisst Kelly auch in „Waisen“ das Irrationale im menschlichen Verhalten, wenn der Ausnahmezustand in unseren Alltag bricht, wenn keine Gewissheiten mehr gelten und unsere so sicher geglaubten moralischen Grundwerte in sich zusammenfallen wie Kartenhäuser. Kelly, der mittlerweile als einer der wichtigsten zeitgenössischen Dramatiker gilt, ist ein Meister der Sprache. Mit Regisseur Stefan Otteni und den Schauspielern Franziska Melzer, Alexander Finkenwirth und Raphael Rubino hat Dennis Kelly vier Künstler gefunden, die seine „Waisen“ meisterhaft auf die Bühne bringen.

Am Anfang bereiten Nicole und Christian in ihrer Wohnung ein Abendessen vor. Ihr fünfjähriger Sohn ist bei Christians Mutter und die beiden genießen diese Zeit nur für sich. Da ist das Turteln, das Umarmen und die Leichtigkeit eines momentanen Kleinfamilienglücks, in das Nicoles Bruder Marco mit blutverschmierten Händen, blutverschmiertem Sweatshirt einbricht. Es ist der Moment des Ausnahmezustands, der die feinen Haarrisse im Miteinander dieser drei Menschen offenlegt. Und es sind diese Risse, die im Laufe des Abends immer deutlicher und immer größer werden.

Was Marco da draußen auf der Straße passiert ist, warum er voll mit fremdem Blut in das scheinbare Gewöhnlichkeitsglück von Nicole und Christian eindringt, wird in vier Versionen durchgespielt. Und mit jeder neuen Version wird die Gewalt massiver. Eine Gewalt, die einen namenlosen Menschen da draußen überrascht hat. Und eine Gewalt, die Nicole, Christian und Marco mit zunehmender Schärfe auch sich selbst antun.

Die Bühne von Peter Scior zeigt den sicher geglaubten Rückzugsraum Wohnung als laminatbewehrtes Rechteck, auf dem ein Tisch und drei Stühle stehen. Eine korbartige Lampe sorgt für warmes Licht. Dieses Wohnungsrechteck steht dicht am Publikum, sodass gar nicht erst größere Distanz aufkommen kann. Hinten und an den Seiten wird es begrenzt von einem Tannengesträuchdickicht, nach vorn durch einen Abgrund. Und auch wenn gelegentlich beruhigendes Vogelgekrächz aus dem dichten Grün dringt, da ist nichts Idyllisches. Das ist ein Dschungel. In ihm lauert das wilde Tier Mensch. „Da draußen gibt es kein Gesetz. Wir sind auf uns gestellt“, wie Marco wiederholt sagt.

Es ist auch dieses Gefühl des Auf-Sich-Gestelltseins, das Kelly in „Waisen“ in den unterschiedlichsten Variationen durchspielen lässt. Nicole und ihr Bruder Marco vertrauen weder Regierung noch der Polizei. Sie verbindet das gemeinsame Wissen um Marcos dunkle Seiten und eine fatale Geschwisterliebe. Nur Christian ist derjenige, der immer wieder an das Gewissen appelliert, der handeln, der helfen will. Dass es dazu nicht kommt, sondern zum Gegenteil, ist den verzweifelten Versuchen Nicoles geschuldet, ihre Illusion von Familie zu retten. Und auch der fehlenden letzten Konsequenz in Christians Handeln.

Wie Franziska Melzer diese Nicole spielt, daran kann man sich trotz der Abgründigkeit nicht sattsehen. Diese Feinheiten, dieser Facettenreichtum und diese stille Angst, die Nicole antreiben. Dieser ständige Wechsel zwischen Liebenswürdigkeit und Verzweiflung, Manipulation und Bösartigkeit. Aber einen bösen Menschen, der uns ein Urteil so leicht machen könnte, sehen wir in dieser Nicole trotzdem nie. Sie ist eine von Angst getriebene Frau, die versucht, etwas zu retten, von dem sie wohl selbst nicht mehr ganz genau weiß, was es ist.

Und dann ist da Alexander Finkenwirth, der ab der kommenden Spielzeit festes Mitglied im Ensemble des Hans Otto Theaters sein wird. Er bringt als Marco die Gewalt ins Spiel, aber nicht als tumber Schläger. Oft wirkt er wie ein großes, verzweifeltes Kind, aber unter seiner Oberfläche brodelt es. Wenn er dann von seiner Tat spricht, ist da auch mehr Überraschung als Erklärung in seinen Worten. Und wie bei Franziska Melzer will man sich nicht sattsehen an diesen Feinheiten, diesem Facettenreichtum und dieser wutsatten Angst, die Finkenwirth hier bietet. Es sind vor allem Franziska Melzer und Alexander Finkenwirth, die diesen Abend dominieren. Bis zu dem Punkt, an dem Christian zum Täter wird und Raphael Rubino seinen großen Auftritt hat.

Am Ende sind sie alle beschädigt, zerstörte Seelenlandschaft. Doch trotz der menschlichen Abgründe, die hier sichtbar werden, Regisseur Otteni hat seine Schauspieler mit höchstem Fingerspitzengefühl geführt. Franziska Melzer, Alexander Finkenwirth und Raphael Rubino stellen ihre Figuren nie bloß, sie legen nur offen und zeigen so, dass Nicole und Christian und Marco uns viel näher sind, als wir es wahrhaben möchten.

Wieder am morgigen Sonntag, 18 Uhr, und am 23. Juni, 19.30 Uhr