Kultur : Alles Komödie?

Shakespeares „Maß für Maß“ vom Poetenpack auf dem Pfingstberg

Astrid Priebs-Tröger

Shakespeares „Maß für Maß“ vom Poetenpack auf dem Pfingstberg Endlich wieder eine laue Sommernacht. Auf dem Pfingstberg gibt es eine Potsdamer Shakespeare-Premiere des Poetenpacks. Der Ort des Geschehens ist fast bis auf den letzten Platz ausverkauft, das Publikum bunt gemischt und erwartungsvoll. Es gibt etwas zu trinken und üppiges Werbematerial, die auffallenden Plakate und Postkarten (Gestaltung: Rayk Goetze) gehen weg wie warme Semmeln. Fragebögen werden auch verteilt, denn die bunte Schauspieltruppe will wissen, wie es euch gefällt und wie ihr ihr verfallen seid und was sie im nächsten Sommer spielen soll. Und plötzlich geht“s los, doch nicht etwa auf der spartanisch anmutenden Bühne (Birgit Stoessel), sondern ganz oben auf dem Belvedere. Das Publikum wird von den Balkonen aus beobachtet, dirigiert und lautstark zur Ordnung gerufen. Es soll sich nach den Wünschen „derer da oben“ richten. Angelo (Lars Wild) und Escalus (Marin Caktas) tun von jetzt an ihre Pflicht. Denn Herzog Vincentio (Hans-Peter Krüger) begibt sich auf eine längere Reise und überträgt ihnen die Amtsgeschäfte. Schnell wird klar, dass er sie jahrelang hat schleifen lassen und jetzt einen Mann für“s Grobe braucht, um die nötigen Grausamkeiten nicht selber verkünden und durchsetzen zu müssen. Niemand scheint geeigneter als Angelo, sittenstreng, unfehlbar, eloquent und keinen fleischlichen Genüssen zugetan, die im ganzen Land überhand genommen haben. Vor allem bei denen da unten, die nun als schrille Truppe (Andrea Brose, Manuel Palma, Yuri Garate) die eigentliche Bühne geräuschvoll in Beschlag nehmen. Stellvertreter Angelo greift sofort mit eiserner Faust durch; ein Exempel muss statuiert werden und der junge Claudio (Yuri Garate) soll seinen Kopf verlieren. Der Schließer (Manuel Palmer) hat ihn schon am Strick. Doch niemand hat mit Claudios Schwester, der Novizin Isabella (Beate Kurecki) gerechnet, die angespornt von dem coolen Lucio (Andreas Hueck) ein rasantes Spiel um Leben und Tod, um Macht und Arglist, um Liebe und Moral in Gang setzt. Bei dem der „geheimnisvolle“ Bruder Bruno die Fäden in der Hand hält und auf dessen Höhepunkt er Mühe hat, dass sie sich nicht vollkommen verwirren. „Die da oben“ werden vorgeführt, alle Grenzen verwischen und es verblüfft kaum noch, wie am Ende der Herzog wieder zur Tagesordnung übergeht. Regisseur Martin Molitor hat gemeinsam mit Eike Hannemann (Dramaturgie) eine eigene Spielfassung von „Maß für Maß“ für das Sommerspektakel erarbeitet. Deutlich und lobenswert das Bemühen, Ballast abzuwerfen und die Zuschauer in das komplexe Geschehen mitzunehmen und dabei kurzweilig zu unterhalten. Spiellustig geht das gesamte Ensemble ans Werk, die schnellen Szenen, nicht nur „von denen da unten“ werden meist mit breiten Pinselstrichen aufgetragen und pointiert ans Publikum gebracht. Sehr direkt auch die Sprache, ihre Gesten und die (Über)Zeichnung der Charaktere, Komödie eben. Doch eine Tragikomödie lebt von den Gegensätzen, von dem unentschiedenen Verhältnis beider Elemente ihres Wortsinns. Und hier lugte die Tragik der Figuren leider nur spärlich hervor. Hatte man im manchmal atemlosen Treiben keine Zeit, diesem Element nachzuspüren. So dass der schmale Grat, auf dem die Shakespeareschen Figuren balancieren, eher ein breiterer Weg war. Andererseits, wenn man einen tagespolitischen Bezug herstellt, ist vielleicht doch alles nur noch Komödie? Das Publikum dankte nach zweieinhalb Stunden mit herzlichem Applaus dem Poetenpack. Astrid Priebs-Tröger Weitere Vorstellungen am: 21. und 25. bis 27. August, jeweils 20 Uhr auf dem Pfingstberg.

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