Kultur : Alles ist (un)möglich

Zero Visibility Corp. mit „(im)possible“ auf dem Höhepunkt der Tanztage

Astrid Priebs-Tröger

Schon das Anfangsbild von „(im)possible“ macht es deutlich. Alles ist (un)möglich: Eine Frau im Tüllrock und schwarzen Schleier sitzt in der Asche vor blutrotem Vorhang. Trauert sie? Wird sie ihr Leben hinter sich lassen oder im nächsten Moment ein neues beginnen? Es dauert nicht lange und wieder hat dieses charismatische Paar Line Tørmoen und Dmitri Jourde, das vor wenigen Wochen mit seinem großartigen Duett in „It’s only a rehearsal“ bezauberte, den Zuschauer total in seinen Bann gezogen.

Auch bei der Deutschlandpremiere der neuesten Produktion der norwegischen Compagnie Zero Visibility Corp., die am Freitag und Samstag auf dem Höhepunkt der Tanztage in der ausverkauften „fabrik“ gezeigt wurde, begeistert erneut diese hervorstechende Kraft und Eleganz, die gleichzeitige Intimität und Fremdheit zwischen Line Tørmoen – die übrigens das Plakat der diesjährigen Tanztage schmückte – und Dmitri Jourde, der mit seiner kraftvoll-athletischen und zugleich sensiblen Präsenz auch jetzt wieder ihre Aufmerksamkeit erregt und sie aus ihrer anfänglichen Trauer und Lebensflucht befreit.

Es ist großartig, welche Energien dieses Paar in seinen Pas de deux entwickelt, die unwillkürlich in dessen intensive, vielschichtige Emotionalität mit hineinziehen. Doch diesmal sind sie nicht allein auf der Bühne, die durch den flammend roten Rosenblättervorhang auf der einen und durch metallen-reflektierende Tafeln (Bühne und Kostüm: Graa Hverdag As) schräg gegenüber begrenzt wird. Zu Tørmoen und Jourde gesellen sich der indische Tänzer Sudesh Adhana und die Tänzerinnen Kristina Søetorp und Cecilie Lindeman Steen. Sie sind ebenso präsent in ihren Szenen der Vergeblichkeit, dann wieder schmerzhaft abwesend unter Pappen oder Asche begraben, die im Laufe des wie ein Vexierbild wirkenden Abends großflockig die ganze Bühne bedecken.

Es liegt in diesem Stück alles ungemein dicht beieinander: Leben und Tod, Trauer und Freude, Fremdheit und Intimität. Es scheint alles möglich und unmöglich zugleich. Dafür findet Ina Christel Johannessen sehr eindrückliche Bilder und Szenen: Der indische Mann singt, sitzend wie ein Fels in der Brandung, ein Liebeslied, eine europäisch aussehende Frau tanzt dazu wie auf die Saiten seines Instrumentes gespannt und doch wird es keine (körperliche) Verschmelzung geben. Später wiederholt sich diese Szenerie mit umgedrehten Vorzeichen. Aber auch hier bleibt trotz größerer körperlicher Nähe letztendlich die Distanz, die Unmöglichkeit, die (kulturelle) Differenz.

Und dann kommt der Höhepunkt dieses nicht linear nacherzählbaren dichten Epos von der (Un)möglichkeit. Wieder sind es Line Tørmoen und Dmitri Jourde, die den äußerst schmalen Grat zwischen Tragen und Fallen, zwischen Schönheit und Brutalität in diesem unglaublich ästhetischen Klammerwürgegriff tanzen. Und man sieht, fühlt und versteht, wie in der Liebe wie im Leben alles seine Zeit hat und untrennbar miteinander verwoben ist. Nach dieser einen Stunde ist man vieles zugleich: berührt und verstört, betäubt und euphorisiert. Unmöglich? Möglich!

Astrid Priebs-Tröger

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