Kultur : Alle anders, alles gleich

Mit Stummfilmen aus den 1920er-Jahren ließ es sich im Filmmuseum gut in die Zukunft blicken

Ariane Lemme

Zum Ende des Jahres gucken die meisten Menschen ja nach vorn: Vorsätze, Bleigießen, irgendwie durch den Schleier der Zukunft gucken. Nicht aber im Filmmuseum. Das war am Freitag beim letzten Stummfilmabend des Jahres bis auf den letzten Platz besetzt – und geguckt wurde in die Vergangenheit. Drei kleine Vorfilme zu Potsdam, dann „Paris qui dort“, ein Film über ein schlafendes Paris, der ganz von diesem welteinsichtigen, wehmütigen Witz durchdrungen ist, der so typisch ist für Kunst aus den 1920er-Jahren.

Erstmal ging es dokumentarisch los, mit dem Luftschiff von Berlin nach Potsdam, Luftaufnahmen vom Gendarmenmarkt, Potsdamer Platz, Siegessäule und Reichstag, bis zum Luftschiffhafen in Potsdam. Ganz selten wird einem bewusst, wie zukunftsfreudig, wie technikverliebt die Menschen gewesen sein müssen, die dem kleinen Potsdam einen Luftschiffhafen gebaut haben.

Überhaupt zeigen diese drei Kurzfilme – in den anderen beiden waren hauptsächlich Aufnahmen aus dem Park Sanssouci zu sehen –, dass jede neue Technik dann doch ganz ähnliche Reaktionen hervorruft. Wer heute lacht über Leute, die die immer gleichen Sonnenuntergänge oder ihre immer gleichen morgendlichen Müslischalen auf Instagram teilen, der gucke sich die alten Stummfilme an. Friedenskirche mit Wasser davor hier, Orangerie da, Große Fontäne, Glockenfontäne. Alle drei Filmemacher scheint dasselbe fasziniert zu haben. Und damals wie heute gilt wohl: Schön ist im Grunde nicht, was abgebildet wird, schön ist, dass ich abbilden kann. Man hätte sich also eine Menge Kulturpessimismus sparen können.

Ganz anders dann „Paris quid dort“. Ein Mann wacht morgens auf dem Eiffelturm auf, dritte Plattform, ganz oben. Er ist Nachtwächter dort, doch heute kommt die Ablöse nicht. Also steigt er herunter - und findet die ganze Stadt leer. Einzelne Menschen sind noch auf den Straßen, aber wie in Trance, erstarrt in ihren Bewegungen. Ein Gendarm streckt schon die Hand aus nach dem Taschendieb, der gerade um eine Ecke flitzt, jetzt wirken sie wie zwei ulkige Skulpturen.

Irgendwann begegnet der Nachtwächter einer kleinen Gruppe, die wie er ebenfalls nicht schläft – sie sind in der Nacht mit dem Flugzeug aus Marseille gekommen und nicht weniger erstaunt als er. Schnell wird ihnen klar, dass sie nur die Höhe, in der sie sich befunden haben, vor dem schweren Schlaf gerettet hat. Langsam wird ihnen ihre Freiheit bewusst: sie tanzen - unbeobachtet von der Gesellschaft – auf den Straßen, baden in öffentlichen Brunnen und raffen sämtlichen Luxus, den sie finden können, zusammen, um es sich auf dem Eiffelturm gut gehen zu lassen. Die Nächte wollen sie sicherheitshalber nicht auf dem Boden verbringen.

Auch dort oben scheinen sie erstmal allen gesellschaftlichen Zwängen entrückt, es könnte freie Liebe geben und grenzenloses Träumen. Niemand ruft mehr zur Arbeit. Aber es passiert natürlich, was auf allen paradiesischen Inseln passiert. Langsam schleicht sich Langeweile ein, aus Langeweile wird Spannung. Und so müssen diese Kinder des Olymp wieder herabsteigen und die Welt in Ordnung bringen.

Insofern war der Blick in die Vergangenheit am Freitag wohl auch einer in Zukunft. Ein Leben im Elfenbeinturm des Westens wird 2017 noch weniger funktionieren als im vergangenen Jahr. Ariane Lemme