• Alexandra Senfft las in Potsdam: Der Nazi in der Familie

Alexandra Senfft las in Potsdam : Der Nazi in der Familie

Alexandra Senfft arbeitet in „Der lange Schatten der Täter“ die Nazi-Vergangenheit ihres Großvaters auf. In der Landeszentrale für politische Bildung stellte sie das Buch vor.

Holger Cathenhusen
Autorin Alexandra Senfft.
Autorin Alexandra Senfft.Foto: promo

Potsdam - Lange hatte sie nicht genauer nachgefragt. Bis ins Erwachsenenalter hinein. Der eigene Großvater war ein Nazi, ja das wusste Alexandra Senfft. Doch was Hanns Ludin als SA-Mann in Süddeutschland und Gesandter des Deutschen Reiches in der Slowakei wirklich getan hatte, darüber lag in der eigenen Familie über Jahrzehnte der Nebel des Verdrängens – obwohl Ludin als Kriegsverbrecher 1947 hingerichtet wurde. „Meine Mutter, meine Großmutter und andere Verwandte haben sich über die NS-Zeit sehr bedeckt gehalten und alles verschwiegen, was die Rolle meines Großvaters kritisch beleuchtet hätte“, schreibt Senfft, Jahrgang 1961, in ihrem 2016 erschienenen Buch „Der lange Schatten der Täter“.

Am Dienstagabend war die Autorin in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung zu Gast und las aus ihrem Werk. In dem Buch geht es keineswegs nur um die eigene Familie. Senfft schreibt auch von ihren Eindrücken als Besucherin des Prozesses gegen Oskar Gröning, jenem „Buchhalter von Auschwitz“, der 2015 vom Landgericht Lüneburg wegen Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt worden war. Er starb im vergangenen Jahr, ohne die Haft angetreten zu haben.

Vor allem aber hat Senfft für ihr Buch mit anderen Angehörigen von NS-Tätern gesprochen. In langen Interviews ließ sich die Autorin deren Familiengeschichten erzählen und ging der Frage nach, wie die Familien der Täter mit dem schweren Erbe umgehen.

Foto: Piper Verlag

Senfft hatte einst selbst irgendwann den Mantel des Schweigens in der Familie gelüftet und über ihren Großvater Recherchen angestellt. Und dabei immer gefragt: Was hat Hanns Ludin wirklich getan? Und wie ist man in der Familie damit umgegangen? Hinter den beschönigenden Geschichten, mit denen einige Familienmitglieder das unheilvolle Wirken Ludins legendierten, kamen im Zuge von Senffts Recherche die wahren Konturen ihres Großvaters zum Vorschein. Es waren die eines Nazi-Verbrechers. In ihrem 2007 erschienenen Buch „Schweigen tut weh“ hat Senfft diese dunkle Familiengeschichte nachgezeichnet und vor allem auch den innerfamiliären Umgang mit jenem Erbe thematisiert. Bereits zwei Jahre zuvor hatte sich Senffts Onkel Malte Ludin – ein Sohn des Naziverbrechers – in seinem Film „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ diesen Fragen gewidmet.

Hanns Ludin – er war der Vater von Senffts Mutter – hatte als Gesandter des Deutschen Reiches in der Slowakei Anordnungen zur Deportation von Juden unterzeichnet. In Senffts Familie scheint dies als historisches Faktum anerkannt worden zu sein. Doch darüber hinaus, so Senfft, bestehe wenig Einigkeit in der Bewertung. Während einige Verwandte der Ansicht seien, Ludin habe mit seinen Deportationsanordnungen die Juden „nur“ in Arbeitslager geschickt, ist sich Senfft sicher, dass ihr Großvater in Wahrheit wusste, worum es wirklich ging, nämlich um die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“. „Daran habe ich anders als einige meiner Verwandten keinerlei Zweifel“, schreibt Senfft in „Der lange Schatten der Täter“.

In der Familie ihrer Mutter sei sie teils auf deutliche Ablehnung gestoßen, ihr Vater hingegen – der vor zwei Jahren verstorbene bekannte Rechtsanwalt Heinrich Senfft – habe sie „ohne Wenn und Aber“ in ihrer Aufklärungsarbeit unterstützt, berichtete die Autorin.

In zahlreichen Familien, so Senfft, habe es in den Jahrzehnten nach dem Krieg viel Geschichtsklitterung gegeben, sagte die heute in Bayern lebende Autorin, die beruflich viel im Nahen Osten unterwegs war und auch schon für die Grünen gearbeitet hat. Dieses Verfälschen der eigenen Familiengeschichte sei auch für heutige Generationen schädlich. Die Autorin warnte zugleich davor, dass schlimmste Verbrechen zukünftig wieder passieren könnten. „Wir alle können unter bestimmten Umständen Täter werden.“ Die Demokratie sei leider immer gefährdet. 

— Alexandra Senfft: Der lange Schatten der Täter. Piper Verlag, Restexemplare erhältlich bei Amazon für 5,95 Euro, 336 Seiten