Kultur : Albtraum im Frauengehäuse

Gutes und Schlechtes zum Abschluss von Unidram

Astrid Priebs-Tröger
Gleich geht es ins Gehäuse. „Anticamera“ mit der Gruppo Nanou.
Gleich geht es ins Gehäuse. „Anticamera“ mit der Gruppo Nanou.Foto: Unidram

Das neue Konzept ist aufgegangen. Fünf Tage mit 25 Vorstellungen zogen 2500 Besucher an. Mitorganisator Jens-Uwe Sprengel war sichtlich erschöpft, wirkte aber hochzufrieden, als am Sonntag das 18. Unidram-Festival mit der zweiten Aufführung von „Hilum“ der jungen Marionettentheater-Company aus Frankreich zu Ende ging. Doch bevor diese knöchernen Fantasie-Geschöpfe in ihrem Waschkeller ihren alptraumhaften skurrilen Tanz vollführten, wartete dieser Abschlussabend mit zwei sehr unterschiedlichen Inszenierungen auf.

Anfangs war man gespannt auf die sehr freie Bearbeitung von Shakespeares „Macbeth“ von Matthias Bernhold, in der Thermoskannen und Teebeutel die Hauptrolle spielen und der Allgegenwart des Bösen erliegen sollen. Im Museum Fluxus warteten Bierbänke auf die Besucher, auf denen man die zumeist unscharf flimmernden Bilder des 20-minütigen höhepunktlosen Kurzfilmes „Thermos“ gerade noch so ertragen konnte. Eine Thermoskanne als Hauptheldin des aufwendigen, aber sehr spleenig wirkenden Epos geisterte dabei durch ihre Herkunftsküche als auch durch einen Wald, in dem man vor lauter Bäumen nichts sah.

Auch ein Japaner mit Rollkoffer zog immer mal wieder durchs Bild, dessen Hintergrund eine Art Hexenwald oder auch eine Skyline bildete. Wenn man hinterher einigermaßen ratlos in die Ankündigung des Spektakels schaute, konnte man lesen, dass diese Bildbefragungen sich mit dem Thema „falsche Vorstellungen“ im Akt der menschlichen Kreativität auseinandersetzten. In diesem Sinne hat „Thermos“ gehalten, was es versprach, aber die fast völlige Abwesenheit von Sinnlichkeit, Humor oder Theatralik machten die ganze Angelegenheit, zu der noch eine nahezu unhörbare Glockenspiel-Begleitung durch den Schöpfer selbst gehörte, zu einer papiernen und sehr verkopften Angelegenheit.

Luftschnappen auf dem Weg und Teetrinken im „fabrik“-Café verkürzten die Wartezeit auf die Aufführung der italienischen Gruppo Nanou, die in diesem Jahr mit dem fertiggestellten letzten Teil ihrer Motel-Trilogie namens „Anticamera“ aufwartete. Und hier wurde man zum Glück mit suggestiven, eindringlichen Bildern geradezu überflutet. Auf der völlig schwarzen Bühne sah man zuerst nur die beleuchteten nackten Beine einer Frau im roten Rock und weißer Bluse, die sich langsam rückwärts einem von innen hell beleuchteten Kubus näherte, in dem sie, als sie darin verschwand, nicht aufrecht stehen konnte.

Dieses an ein Zimmer erinnernde, jedoch klaustrophobisch enge Gehäuse bot mit seinem weißen Sessel und der schwarz-weißen Tapete jedoch keinen wirklichen Lebensraum, sondern hatte gleichzeitig etwas von einem Versteck respektive Gefängnis. In zeitlupenartigen Bewegungen änderte die Frau ihre Lage in diesem Behältnis, in dem sogar die Gesetze der Schwerkraft ausgehebelt schienen. Spätestens an dieser Stelle nahm die Inszenierung einen nachgerade surrealen Charakter an, der im Unterbewusstsein albtraumhafte Zustände auszulösen vermochte. Man fühlte sich an Stimmungen in Filmen von David Lynch erinnert.

Je nach Erfahrungshintergrund konnten die männlichen Schatten, die in Pagenuniformen auftraten, als das Frauengehäuse mit einer Platte vollständig verschlossen wurde, Schrecken oder auch eine seltsame Distanz auslösen. Funktionierten sie doch nicht individuell, sondern schienen nach einem nicht erkennbaren Plan ‚ferngesteuert‘ zu sein. Erleichterter und begeisterter Beifall war der verdiente Lohn für eine lange nachwirkende Inszenierung. Astrid Priebs-Tröger

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.