Kultur : Akustische Landpartie

OH!-Ton Abend im Studentischen Kulturzentrum mit Radio-Feature gab Vorgeschmack auf ein Festival im Juni

D Astrid Priebs-TrögerD

Das Thema war schnell gefunden. Bietet ein traditioneller Bauernhof doch eine Vielzahl unverwechselbarer O-Töne und Geräusche. Und genau die braucht es, wenn ein Radio-Feature ein originelles und abwechslungsreiches Hörerlebnis werden soll. Julia Schäfer, deren Dokumentation „Verheiratet mit dem Vieh“ am Montagabend im Theatersaal des Studentischen Kulturzentrums (Kuze), in der Reihe „Kino im Kopf“ zur Aufführung gelangte, hat dafür ein Dreivierteljahr lang immer wieder ihre Eltern im Hessischen besucht. Die sind zwar Rentner, betreiben aber immer noch einen Bauernhof mit Rindern, Federvieh und Ackerflächen.

Und neben den typischen Geräuschen ihres Alltags fing die Tochter auch die Schwierigkeiten des Abschieds vom Bauernsein ein. Denn ihr Vater, inzwischen 75-jährig und seit Kindesbeinen mit den Tieren vertraut, tut sich schwer, sich endgültig auf das Altenteil zurückzuziehen. Stattdessen vernachlässigt er vor allem seine Frau, die ihrem Ärger über die Unvernunft des Ehemannes ziemlich unverblümt Luft macht.

Die Tochter porträtiert beide mit großer Offenheit und zeigt an ihrem Beispiel einen Familienkonflikt, der nicht nur das heutige Verhältnis von Stadt und Land, sondern auch das von Selbstverwirklichung und Selbstaufgabe auf den Punkt bringt.

Ihr direktes und ungekünsteltes Feature, das bereits vom RBB und MDR gesendet wurde, ist Teil einer Reihe, die seit Januar im Kuze stattfindet. „Kino im Kopf“ nennt sie sich und sie ist die Vorbereitung für ein ungewöhnliches Festival. OH!-Ton, das 1. Festival für radiophone Dokumentationen, das im Juni in der fabrik Potsdam stattfindet, ist dem Engagement von Studenten der Kulturarbeit der FH Potsdam zu verdanken.

Simon Wöhr ist einer von ihnen und erzählt, wie aus einer Projektarbeit im zweiten Semester, die Idee für das ganze Festival entstand, das jetzt seit über einem Jahr vorbereitet wird. Dessen Anliegen ist es, nicht nur junge Leute mit der Kunstform des Radio-Features an ausgefallenen Orten, unter anderem auf Flößen auf dem Tiefen See (PNN berichteten), vertraut zu machen, sondern auch Akteure aller Altersgruppen zu einer spannenden „OH!-Ton-Jagd“, einem Wettbewerb um die fantasievollsten, selbst gestalteten Drei-Minuten-Features einlädt. Dass die Beschäftigung mit diesem Medium ungemein kreativ ist und viel Spaß macht, konnten die Zuhörer am Montagabend nicht nur an Julia Schäfers Feature, sondern auch an der kanadischen Produktion „The Change in Farming“ von Adam Goddard erleben.

Deren Protagonist, der 89-jährige Henry Robert Tyndale Hawes, ist ebenfalls Farmer. Allerdings interessierte seinen 25-jährigen Enkel, der in Toronto als Komponist und Musiker lebt, weniger der bäuerliche Alltag als die wunderbare Stimme und musikalische Erzählweise seines Großvaters.

Die Besucher im Kuze, die sich im Dunkeln auf Sofas, Polstern und Stühlen einem unbeschwerten Hörgenuss ergeben konnten, hatten jedenfalls augenscheinlich Spaß an dieser Produktion und ließen sich auch nicht lange bitten, Ausschnitte aus drei weiteren Radio-Features, die möglicherweise während des bevorstehenden „OH!-Ton“-Festivals aufgeführt werden, zu bewerten.

Astrid Priebs-Tröger

Der letzte „Kino im Kopf“-Abend findet am 25. Mai, um 20 Uhr im Kuze, Hermann-Elflein-Straße 10 statt. Weitere Infos unter www.ohton-festival.de

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