• Abschiedsfest im Hans Otto Theater: Denkt bloß nicht, wir heulen

Abschiedsfest im Hans Otto Theater : Denkt bloß nicht, wir heulen

Das Ensemble von Tobias Wellemeyer feiert seinen Abschied – betont unsentimental, dafür hoch musikalisch. Ganz ohne Emotionen ging es am Ende aber auch nicht.

Foto: Hans Otto Theater/Göran Gnaudschun

Potsdam - Der erste von vielen großen Auftritten am Abschiedsabend des Ensembles, das neun Jahre lang Potsdam unterhielt, umgarnte und immer wieder auch begeisterte, gehört einer Bleibenden. „Let me entertain you“, gesungen von Katrin Hauptmann im roten Mini am Freitagabend eingangs auf der Bühne im Neuen Haus. Als eine von zehn Schauspielern bleibt sie in Potsdam. Der Rest geht, teilweise in die Arbeitslosigkeit. Aber Hauptmann singt so, wie der Abend gedacht ist: kraftvoll, fordernd. Dieses Ensemble sagt zum Abschied: Bloß kein Geheule bitte. Gerne Glamour, Rhythmen, Lacher.

Nochmal zeigen, was hier fehlen wird. Und weil eine große Stärke dieses Ensembles seine Musikalität war, schenkt jeder Spieler dem Publikum zum Abschied ein Lied, moderiert vom charmantesten sich piesackenden Doppel Meike Finck und Michael Schroth. Bernd Geiling „der aufbrausendste Schauspieler des Ensembles“, singt Klaus Hoffmanns melancholisches „Ich wär’ bereit“, Denia Nironen überrascht mit von ihr noch nie so gehörten Tangorhythmen, Marianna Linden und Jan-Kaare Koppe verhaspeln sich aufs Zärtlichste in Manfred Krugs Liebesduett „Mach’s gut, ich muss gehn“, Florian Schmidtke sorgt mit selbst getexteten Freestyle-Raps für die ehrlichsten, härtesten Töne des Abends: „Vielleicht war die Zeit auch einfach nur beschissen – ganz egal, ich werde es vermissen.“

„In neue Leidenschaft und neuen Lärm“

Reden sind an diesem Abend dezidiert unerwünscht, sogar die Kulturbeigeordnete Noosha Aubel darf nur kurz, aber sehr herzlich auf die Bühne – und macht auch keinen Bogen um die Tatsache, dass es um das Ende der Intendanz, des Ensembles, einigen Streit gab. Sie selbst, sagt sie, könne nur von sich sagen, dass sie in ihrer kurzen Amtszeit (neun Monate) oft und sehr gern ins Hans Otto Theater gegangen sei. Von demjenigen, der den Vertrag des Intendanten nicht verlängerte, Oberbürgermeister Jann Jakobs, sagt man anderes. Tobias Wellemeyer selbst meldet sich betont kurz zu Wort: Der Abend sei ja „in Wahrheit ein Grund zur Freude“, ein Aufbruch „in neue Leidenschaft und neuen Lärm“. Berechtigter Grund zur Freude für ihn auch der vollbesetzte Saal: „Dass Sie so zahlreich gekommen sind“.

Nur Lea Rosh, die Noch-Vorsitzende des Theater-Förderkreises, die ankündigte, mit dem Weggang Wellemeyers auch ihren Posten zu verlassen, schert aus aus dem Gute-Laune-Diktat, dem sich der Abend verschrieben hatte.  Sie überreicht dem Ensemble einen Scheck über 3.000 Euro nebst Umschlag: den Potsdamer Theaterpreis - mit dem in den letzten Jahren nur einzelne Künstler ausgezeichnet worden waren -  für das scheidende Ensemble. „Scheiße noch eins, ich hätte heute lieber vier Jahre Verlängerung gefeiert“, sagt Rosh. Tobias Wellemeyer bekommt zum Abschied  vom Ensemble  eine Magnolie geschenkt. Die blüht zwar nur einmal im Jahr, dafür aber sehr intenstiv, sagt Meike Finck. Und sei bei ihm sicher gut aufgehoben, sagt Meike Finck: „Du weißt, wie man den Boden bereitet, damit zarte Pflanzen wachsen können.“

Bevor da Tränen kommen, dann lieber schnell noch ein Lied. Rio Reiser, natürlich gesungen von Moritz von Treuenfels: „Wir müssen hier raus! Das ist die Hölle!“ Den Refrain singen alle auf der Bühne mit, das Publikum auch. „Und wir werden es schaffen, wir werden es schaffen.“ Das werden sie. Nur jeder woanders.