• Abschied vom Potsdamer Rio Reiser: Es ist vorbei, Junimond

Abschied vom Potsdamer Rio Reiser : Es ist vorbei, Junimond

Ein letztes Mal durfte Moritz von Treuenfels den Rio Reiser  am Hans Otto Theater in Potsdam geben. Ein Abschiedsbesuch.

Heidi Jäger
Moritz von Treuenfels mit seiner Rio Reiser-Band am Hans Otto Theater. 
Moritz von Treuenfels mit seiner Rio Reiser-Band am Hans Otto Theater. Foto: Hans Ludwig Böhme


Potsdam - Es ist die vierzigste und zugleich letzte Vorstellung. Ein Fest, wie es sich wohl jedes Theater wünscht. Die Zuschauer singen, tanzen, zücken an diesem heißen Dienstagabend im Hans Otto Theater ihre Handy-Taschenlampen. Und auch Blumen fliegen auf die Bühne. „Rio Reiser. Der König von Deutschland“ hat die Potsdamer erobert: Viele waren bereits mehrfach in dieser furiosen Inszenierung von Frank Leo Schröder und stimmen nun textsicher ein in „Es ist vorbei, bei, bei Junimond“. 

Der Abschied von Moritz von Treuenfels, der Ende der Spielzeit nach Basel geht, ist zugleich ein Triumph der ganzen Band, die ihn nicht nur begleitet, sondern sich selbst ins Rampenlicht spielt. Jeder einzelne Musiker, jeder Schauspieler, jede Schauspielerin, untermauert die Stimmigkeit dieses von deutsch-deutscher Politik durchdrungenen Abends mit ganz individueller Präsenz. Am meisten Florian Schmidtke, der in dieser außergewöhnlichen Vorstellung immer mal wieder aus seiner Rolle heraustritt und neben seiner kraftvollen Stimme auch seine Pfunde tänzelnd in die Manege wirft. 

Der Potsdamer Rio trifft den Nerv

Noch einmal verwandelt sich das Theater am Tiefen See in eine mitschwingende Konzerthalle, die für „Rio“ den Teppich ausrollt. Zum letzten Mal setzt sich Moritz von Treuenfels die schwarze Schiebermütze von Rio auf, wächst unter ihr mit rauchig dunkler Stimme zu ganz eigener Größe. Jugendliche Aufruhr und Sehnsucht durchziehen diesen liebesdurstigen rebellischen Gesang, der die leisen Töne ebenso vibrieren lässt wie das Rotzig-Freche, das Aufbegehrende. Nicht nur mit dem Lied „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ von Rio und seinen Ton Steine Scherben trifft die Band des Hans Otto Theaters auch den Nerv heutiger Generationen. 

Foto: Hans Ludwig Böhme

Rios Krone für den König von Deutschland erwies sich indes als Dornenkrone. Als der Sänger nach der Wende in die PDS eintrat und sein Song „Der König von Deutschland“ zur Hymne der Linken wurde, ist es vorbei mit der Karriere. Er wird in Sippenhaft genommen, die Medien und Plattenfirmen schneiden ihn. 

Ein emotionaler Abschied

„Wir sind geboren, um frei zu sein!“, singt Moritz von Treuenfels im vollbesetzten Haus ein letztes Mal. Und gemeinsam mit seinen nun ehemaligen Kollegen reist er voller Energie durch diesen Abend: mal wie Tramps mit leichtem Gepäck, dann wieder schwerbeladen wie Packesel, die sich die Last der gesellschaftlichen Verkorkstheit aufbürden. 

Es war weitsichtig von Bettina Jahnke, die Inszenierung aus der Ära Wellemeyer zu übernehmen und die Rollen teils neu zu besetzen. Auch dieses Team ist zusammengewachsen und muss sich nun wieder trennen. Das Wort Basel fällt an diesem Abend mehrfach: wie eine Abschiedsformel. Es ist ein bewegender Moment, als auch die Kollegen anderer Gewerke auf die Bühne treten, sich mit Potsdams Rio und seinen Bandkollegen in den Armen liegen. Der Juni-Mond von Potsdam ist untergegangen. Das Publikum singt sich im vereinten Chor zum König von Deutschland hoch.