• 35 Jahre Filmmuseum Potsdam: Von wegen nur Schwarz-Weiß

35 Jahre Filmmuseum Potsdam : Von wegen nur Schwarz-Weiß

Das Filmmuseum feiert am Samstag seinen 35. Geburtstag. Ein Rückblick auf die Zeit, als das Haus begann, Kultur zu schaffen

Grit Weirauch

Das erste Programmheft des Kinos im Filmmuseum war feinste Handarbeit. Dorett Molitor tippte es auf einer Schreibmaschine, durch sieben Blaupapier-Durchschläge. Zwei Buchstaben musste sie allerdings nachzeichnen, denn die fehlten auf der Maschine. Mit den Zetteln radelte die damals 27-jährige Programmchefin durch die Stadt, verteilte sie und machte 1990 das, was man heute Marketing nennt.

Das Filmmuseum feiert am heutigen Samstag sein 35. Jubiläum. Die Erinnerungen an die Anfänge gehen allerdings selbst bei den meisten Filmwissenschaftlern eher auf die Jahre des politischen Umbruchs zurück. Offiziell wurde das erste staatliche Filmmuseum der DDR am 9. April 1981 eröffnet – mit einem Kino und einer Schau technischer Geräte. Die Einweihung war letztlich das späte Ergebnis einer Ausstellung unter dem Ostberliner Fernsehturm im Jahre 1960. Die Pariser Cinémathèque zeigte ihre Sammlung. Das lockte so viele Besucher an, dass der DDR-Kulturleitung ein Museum des eigenen Staates nach französischem Vorbild vorschwebte.

Erst die Wende machte jedoch aus dem verfallenen Kulturstützpunkt einen Ort der Filmkultur. Schräges und experimentelles Kino wollten die neue Direktorin Bärbel Dalichow und Dorett Molitor gleich 1990 zeigen, Regisseure wie Christoph Schlingensief, Jörg Buttgereit, schwul-lesbische Filme und natürlich das französische Autorenkino. „Leider war das Publikum keineswegs so neugierig gewesen wie wir“, schreibt Bärbel Dalichow in einem Rückblick. „Die Leute hatten genug in ihrem Privatbereich zu tun“, sagt Dorett Molitor. Wenn der Job und die eigene Existenz auf dem Spiel stehen, gehören Kinobesuche kaum zum Alltag.

Und auch heute, nach 35 Jahren, wünscht man dem Filmmuseum manchmal mehr neugieriges Publikum. Es sind vor allem die Filme und Stars der Defa, die für ein volles Haus sorgen. Andere Veranstaltungen finden weniger Zuspruch. „Ich habe das Publikumsverhalten immer als Sinuskurve betrachtet“, sagt Dorett Molitor.

Die Einnahmen aus Kinobetrieb und Ausstellungsbesuchen müsse man in ihrer Gesamtbilanz betrachten – eben mit Ausschlägen nach oben und unten. Schließlich sei es auch Aufgabe des Hauses, schwierige Themen zu behandeln und weniger publikumsaffine Filme zu zeigen.

Zum Alltag von Dorett Molitor zählte 1990 auch die Fahrt auf die andere Seite der Glienicker Brücke. Dort, auf der rechten Seite, wie sie sich erinnert, stand eine Telefonzelle, an der sie sich in die Schlange einreihte. Um bei besserem Empfang mit den westdeutschen Kollegen zu telefonieren. Die waren begeistert von der Arbeit der Potsdamer. Molitor bekam Angebote von Dutzenden Filmverleihen. Als Zeit der Zaubereien und Ideen bezeichnet sie diese Anfänge. „Es war viel möglich, man musste aber auch viel dafür tun.“ Heute leitet Molitor die Sammlung des Filmmuseums.

Dass sich die Sammlung vor allem aus Defa-Beständen zusammensetzt, liegt angesichts der Nähe zu den früheren Filmstudios auf der Hand – ist aber auch Menschen wie Molitor zu verdanken. 1990, als im Zuge der Privatisierung die erste Kündigungswelle durch die Filmstudios rollte, seien viele Objekte mitgenommen worden – oder, schlimmer – im Müll gelandet, erzählt sie und erinnert sich „an einen Tsunami an Material“. Über ihre Kontakte zu Mitarbeitern der Defa erfuhren sie und ihre Kollegen davon. „Es hieß, kommt mal schnell nach Babelsberg, und wir retteten eben, was zu retten war. Letztlich war das die Gründungsstunde der Sammlung.“

Gehörte das Museum, da im Marstall, anfangs noch zu den Staatlichen Schlössern und Gärten Potsdam-Sanssouci, war es ab 1991 dem Land unterstellt. Seit 2011 gehört es zur heutigen Filmuniversität „Konrad Wolf“ – mit allen Vor- und Nachteilen, die ein Dampfer, wie eine Universität es nun mal ist, mit sich bringt. Die Prozesse der Verschränkungen zwischen beiden Institutionen brächten viele Chancen, sagt Molitor. „Aber sie brauchen Zeit, bis sie wirksam werden.“

So muss das Filmmuseum einen Spagat veranstalten zwischen den Aufgaben eines Landesmuseums, eines kommunalen Kinos – ohne dass die Stadt übrigens wie sonst üblich die Finanzierung mitträgt – und einer Filmuniversität. Und auch der Spagat zwischen Gestern und Morgen soll gelingen.

Wie der aussehen kann, will das Museum auf seinem Fest heute zeigen: In einem Kurzfilmprogramm ab 21 Uhr mit historischen Dokumentationen sollen die Besucher den Ursprüngen der frühen 80er-Jahre nachspüren. Dabei wird etwa ein Ausschnitt aus dem DDR-Fernsehformat für Thälmann-Pioniere „Mobil“ zu sehen sein: Pioniere besuchen das Museum und dürfen, heute undenkbar, an dem ersten Vorführapparat der Filmgeschichte kurbeln. Zuvor, um 19 Uhr, gastiert das Stummfilmzerlegungskollektiv um Regisseur Dietrich Brüggemann („Kreuzweg“), das bereits im Deutschen Theater in Berlin zu erleben war. Die Zuschauer liefern Schlagworte. Diese und der Begriff Stummfilm werden bei YouTube eingegeben, die Ergebnisse ohne Ton auf Leinwand projiziert und die Künstler improvisieren dazu. Sozusagen Klavier und Beats statt Welte-Orgel. Historisches also im zeitgenössischen Format, um auch eine jüngere Generation für das Erbe zu begeistern. Denn schließlich sind die analogen Zeiten längst passé.

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