Kultur : 313 Tage in Ungewissheit

Rosemarie Studera las in der Lindenstraße 54/55

Astrid Priebs-Tröger

Manchmal stockte einem der Atem. Als Rosemarie Studera aus ihren Erinnerungen an die 313 Tage, die sie in der Gewalt des sowjetischen Geheimdienstes NKWD verbrachte, vorlas. Die heute 83-jährige resolute Frau war am Donnerstagabend in der Gedenkstätte Lindenstraße 54/55 zu Gast und eröffnete mit ihrer Buchvorstellung „Keep smiling, Rose“ die diesjährige Folge der Veranstaltungsreihe „Menschen unter Diktaturen“, die das Potsdam Museum und das Zentrum für Zeithistorische Forschung auch in diesem Jahr gemeinsam ausrichten.

Rosemarie Studera war gerade 18 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war. Sie lebte in einer gutbürgerlichen Künstlerfamilie in Leipzig und hatte eine Ausbildung zur Dolmetscherin begonnen. Die lebenshungrige junge Frau lernte 1946 einen britischen Offizier kennen, mit dem sie oft ihre Freizeit verbrachte. Eines Tages unternahm sie mit ihm eine zweitägige Reise, von der sie erst ein Jahr später zurückkommen sollte. Denn Rosemarie wurde genauso wie ihr Begleiter Frank Kelly ohne Angabe von Gründen in Bad Liebenwerda vom russischen Geheimdienst verhaftet und in die NKWD-Zentrale nach Potsdam in die Lindenstraße überstellt.

Was sie in diesen elf Monaten er- und wie durch ein Wunder überlebte, hat Frau Studera über vierzig Jahre lang für sich behalten müssen, wurde sie doch wie alle Entlassenen mit einem Schweigegebot belegt. Erst 1990 begann die damals 63-Jährige zu reden, zu schreiben und zu recherchieren. Denn Rosemarie Studera weiß bis heute nicht, ob der Anklagepunkt der Spionage auf ihren Begleiter zutraf, der für sieben Jahre in einem sowjetischen Arbeitslager verschwand und 2004 in England verstarb, bevor sie ihn selbst noch einmal befragen konnte.

Das alles erzählte die kleine energiegeladene Frau beinahe atemlos am Donnerstag in der Gedenkstätte Lindenstraße, die sie seit der Wende mehrfach besuchte, um sich mit der Zeit auseinanderzu etzen, die ihr Leben so einschneidend veränderte. Sie sprach von den Demütigungen durch die russischen Bewacher und Offiziere, die politische Willkür der Beweisführung, den Essensentzug, die Schläge und die unzumutbaren sanitären Bedingungen. Und sie sagte, dass es auch heute noch Dinge gibt, über die sie nicht sprechen könne. Doch jeder der Zuhörenden musste ihre ungeheure Lebenskraft bewundern, mit der sie den falschen Anschuldigungen trotzte und fast bis zum Schluss ihrer Haft Kraft zum Widerstehen aufbrachte. Dann allerdings, als sie ohne Vorankündigung entlassen wurde, war sie von ihrem früheren Leben so entfremdet, dass sie ihre Unterdrücker bat, im Gefängnis bleiben zu dürfen. Das nahm einem auch jetzt noch den Atem.

Mit ihrem 2010 erschienenen Buch ist es Rosemarie Studera gelungen, sehr persönlich Zeugnis abzulegen. Über eine Zeit, über die immer noch nicht genug bekannt ist, weil viele Zeitzeugen nicht die Möglichkeit hatten, falls sie denn überhaupt überlebten, zu berichten. Frau Studera schreibt nicht als objektive Beobachterin, sondern teilt ihre persönlichen Erlebnisse, Gefühle und Hoffnungen mit, so dass für die heutigen Leser zumindest teilweise Empathie möglich wird. Aber in die Willkür und Brutalität des sowjetischen Geheimdienstes in der stalinistischen Ära vermag man sich auch mit historischem Abstand kaum hineinzuversetzen. Astrid Priebs-Tröger

Rosemarie Studera Petzold: Keep smiling, Rose. 313 Tage in der Gewalt des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, 2010. Bestellung im Internet unter

www.keepsmilingrose.de

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