Kritik an Ministerin Ernst : Brandenburg streitet um Minimal-Schulbetrieb

Am Dienstag verkündete Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), dass alle Kinder vor den Ferien Schulen und Kitas besuchen sollen – allerdings nur tageweise. Es hagelt Kritik - auch aus Potsdam.

Britta Ernst (SPD), Brandenburgs Ministerin für Bildung, Jugend und Sport.
Britta Ernst (SPD), Brandenburgs Ministerin für Bildung, Jugend und Sport.Foto: imago images/Martin Müller

Potsdam - In der Corona-Krise öffnet nun auch das Land Brandenburg seine Schulen und Kindertagesstätten für alle Kinder, allerdings sehr eingeschränkt. Das sieht der Fahrplan vor, den Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) am Dienstag in Potsdam nach einer Sitzung des Kenia-Kabinetts vorstellte. Danach können ab 25. Mai alle Kinder die Schule besuchen. Kita-Kinder sollen ab diesem Zeitpunkt mindestens einen Tag pro Woche die Einrichtungen besuchen können, wenn eine Kita-Betreuung benötigt wird. Grundschulkinder sollen ein bis zwei Tage pro Woche die Schule besuchen dürfen, doch sind dann schon vier Wochen später die Sommerferien im Land Brandenburg, die am 25. Juni beginnen. Da der Ferienbeginn früher als in anderen Bundesländern liege, „wollen wir ein bisschen mehr Gas geben“, sagte Ernst. Brandenburg bewege sich damit insgesamt im Gleichklang mit anderen Bundesländern, bei der Kita-Betreuung im Spitzenfeld.

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Das Vier-Wochen-Konzept für die Schulen, das die von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) geführte Kenia-Regierung Brandenburg nach anderen Ländern vorlegte, stieß in ersten Reaktionen auf Unverständnis. Kritik gibt es nach PNN-Informationen bis in die Reihen der Kenia-Koalition hinein. Am heutigen Mittwoch debattiert der Landtag in einer Aktuellen Stunde über die Einschränkungen und Lockerungen im Zuge der Coronakrise.

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Jeder zweite Schüler hatte in Brandenburg bereits zuvor die Schule wieder direkt besucht, nun gibt es erstmals Aussagen für die andere Hälfte. Die Klassen 1 bis 4 sollen zwei Tage pro Woche zum Unterricht in die Schule, die Klassen 5 und 6 wieder nur einen Tag, nachdem sie bislang in der Regel fünf Tage unterrichtet werden. Dass die weitere Öffnung der Schulen und Kitas nicht schon eine Woche früher greift, begründete Ernst gegenüber den PNN mit nötigen organisatorischen Vorbereitungen.

"Brandenburg dackelt hinterher"

Die Linke-Opposition im Landtag warf Ernst am Dienstag vor, die Hausaufgaben teils nicht, teils zu spät gemacht zu haben. „Das ist kein großer Wurf“, sagte Linke-Fraktionschefin Kathrin Dannenberg. „Brandenburg dackelt hinterher, während andere Bundesländer längst konkreter wurden.“ Was Ernst jetzt vorstellte, hätte nach ihren Worten schon vor drei Wochen verkündet werden können. Dannenberg kritisierte, dass es für viele Eltern in Brandenburg weiterhin keine klare Perspektive gebe. „Viele müssen weiter zu Hause bleiben und können nicht arbeiten gehen“, sagte sie. „Das hat nicht nur immer stärkere finanzielle Auswirkungen, sondern macht das Homeoffice zum anstrengenden Dauerbetrieb für Familien und Alleinerziehende.“ Das System der Kita-Betreuung, wonach ab 25. Mai jedes Kind mindestens einen Tag pro Woche in den Einrichtungen betreut wird, gilt laut Ernst auch über den Feriensommer bis August.

In den Reihen der Kenia-Koalition ist die Stimmung teilweise nicht viel anders. In der CDU-Fraktion herrschte am Dienstag Enttäuschung und Ernüchterung gab es in der Debatte dem Vernehmen nach deutliche Kritik an dem Ernst-Konzept, nach dem etwa Kinder der ersten bis vierten Jahrgänge bis zu den Sommerferien noch acht Tage die Schule besuchen. „Das ist einfach zu wenig“, sagte der CDU-Abgeordnete und frühere Parteichef Ingo Senftleben den PNN. „Es ist kein Signal für Familien, dass Bildung Priorität hat.“

Auch nach den Sommerferien kein Regelbetrieb

Wann Unterricht und Betreuung wieder im Regelbetrieb stattfinden, ist noch offen. Ernst machte deutlich, dass wohl auch nach den Sommerferien noch kein normaler Regelbetrieb möglich sein wird. Man müsse nach zusätzlichen Räumen für die Schulen suchen. Nach ihren Worten stehen etwa 30 Prozent der Lehrkräfte, die Vorerkrankungen haben oder älter als 60 Jahre sind und damit zu Risikogruppen gehören, für den Präsenzschulbetrieb nicht uneingeschränkt zur Verfügung.

Auch in der Landeshauptstadt Potsdam fielen erste Reaktionen kritisch aus. Bildungsdezernentin Noosha Aubel (parteilos) sagte den PNN, zwar gebe der Fahrplan für die Schulen in diesem Bereich Eltern eine Perspektive, in dem ein alternierendes Modell wie in anderen Bundesländern gewählt werde. Doch der der Plan, dass jedes Kind „mindestens einmal pro Woche“ eine Kita besuchen soll, sei „zu wenig“. „Das ist keine spürbare Entlastung für Eltern“, sagte Aubel. Auch werde das Konzept mit einem hohen administrativen Aufwand für die Einrichtungen verbunden sein – und ferner sei das Ganze „auch den Kindern pädagogisch nur schwierig zu vermitteln.“ 

Auch andere Kommunen äußerten sich kritisch

Ferner merkte Aubel an, andere Bundesländer hätten dezidiertere Pläne in dem Bereich, zum Beispiel nannte sie die in Berlin angebotenen Halbtagsplätze. Nach PNN-Informationen sollen sich auch andere Kommunen in Brandenburg in einer Telefonschalte mit dem Bildungsministerium kritisch geäußert haben. Auch der Potsdamer Elternbeirat kritisierte die geplanten Corona-Lockerungen für Kitas und Schulen in Brandenburg als zu zaghaft. 

Es sei ein ganz kleiner Schritt, sagte Sprecher Robert Witzsche sagte den PNN. „Es wird Eltern und Kinder geben, denen ein Tag Kita oder Hort pro Woche gut tut und der sie entlastet. Und es wird Eltern und Kinder geben, für die sich auch mit den geplanten Maßnahmen nichts ändert.“ So sorge der Ansatz vor allem für „neue organisatorische Herausforderungen für Eltern, Erzieher und Kita-Leitungen“ und biete zugleich „kaum Ansätze für eine kindorientierte Umsetzung“ eines eingeschränkten Regelbetriebs. So würden viele Fragen unbeantwortet bleiben, kritisierte der Beiratssprecher: „Was ist Anfang August anders als jetzt?“

In Brandenburg bleibt die Zahl bestätigter neuer Infektionen mit dem Coronavirus weiter auf einem niedrigen Niveau. Sie nahm absolut um fünf auf insgesamt 3152 Fälle zu, teilte das Gesundheitsministerium am Dienstag mit, als genesen gelten 2600 Menschen. Auch bei der Belastung je 100.000 Einwohner liegt Brandenburg im hinteren Feld der Bundesländer. In einigen Landkreisen stagniert das Infektionsgeschehen. Zu den Auswirkungen der aktuellen Lockerungen gibt es weder für den Bund, noch für das Land Brandenburg bislang valide Erkenntnisse.