• Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft: Gründerzeit in Brandenburg

Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft : Gründerzeit in Brandenburg

Die TH Brandenburg sieht sich als Motor der regionalen Wirtschaft. Manchmal allerdings stottert es.

Benjamin Lassiwe
Auf Tour. Jörg Steinbach und Manja Schüle zu Besuch an der Technischen Hochschule in Brandenburg/Havel.
Auf Tour. Jörg Steinbach und Manja Schüle zu Besuch an der Technischen Hochschule in Brandenburg/Havel.Foto: Soeren Stache/dpa

Brandenburg an der Havel - Stolz schwingt mit. „Wir sind eine Gründerhochschule“, sagt Andreas Wilms. Der Präsident der Technischen Hochschule Brandenburg (Havel) war am Donnerstag Gastgeber für eine gemeinsame Pressefahrt von Wissenschaftsministerin Manja Schüle und Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (beide SPD). Beide wollten einmal zeigen, wie die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft im Land gelingen kann, mit der THB als gutem Beispiel. Denn seit ihrer Gründung 1992 sind von Absolventen der kleinen, nur 2.500 Studierende zählenden Fachhochschule rund 300 Firmen gegründet worden. „Wir haben drei Schwerpunkte“, sagt Wilms. „Sicherheitsforschung, Energie- und Ressourcenaufbau und die digitale Transformation.“ Und die Augen der Minister leuchteten, als Wilms vom jüngsten Zukunftsprojekt berichtete: Im Wintersemester soll in Brandenburg ein Studiengang zur E-Mobilität starten, eine Premiere im Land, passend zur Tesla-Ansiedlung in Grünheide. E-Mobilität werde „immer wichtiger“, so Wilms.

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Einer der Brandenburger Gründer ist Marius Liefold. Mit einem Startstipendium hat er einen Medizinkoffer entwickelt, der mit Hilfe von Telemedizin die Müttersterblichkeit in Entwicklungsländern reduzieren soll. Derzeit entwickelt er mit dem Unternehmen Denton Systems ein „lebensbegleitendes Dentalkonzept“: Mit digitalen Modellen will er die zahnmedizinische Versorgung von Menschen verbessern. Ursprünglich wurde die Firma in Berlin gegründet. Aber weil es in Brandenburg eine bessere Förderung gegeben habe, sei man mit dem Firmensitz nun nach Potsdam gegangen.

Andere Beispiele schilderte der Professor für Medizininformatik, Thomas Schrader: An seinem Lehrstuhl forsche man etwa zur Ähnlichkeit von Medikamentenschachteln und Arzneimittel-Namen: „Damit wollen wir die Patientensicherheit verbessern.“ Entwickelt haben die Forscher auch einen digitalen Waldspaziergang für Demenzpatienten, den beide Minister gleich einmal ausprobierten: Durch Gewichtsverlagerung auf einer Plattform steuerten sie eine Figur auf einem Computerbildschirm durch einen virtuellen Wald. Um die Patienten zu mobilisieren, können unterwegs zum Beispiel Fotos von Familienmitgliedern eingeblendet werden - „oder chemische Formeln“, scherzte Schrader mit Blick auf Steinbach, der vor dem Wechsel ins Kabinett Chemieprofessor war. Und Schüle betonte: „Ich will, dass jeder Studierende weiß, dass Selbständigkeit und die Gründung eines Unternehmens eine wichtige Karriereoption ist.“ Was jetzt an Arbeitsplätzen in Brandenburg neu geschaffen werde, komme aus der Forschung.

"Strukturelles Defizit der Förderkulissen“

Deutlich wurde aber auch, wo es hapert. Fünf Jahren später seien nur noch 35 Prozent der aus Hochschulen ausgegründeten Unternehmen am Markt, so Schüle. Sie sehe ein „strukturelles Defizit der Förderkulissen“ - etwa wenn die Startups nach den Gründungsberatern an den Hochschulen dann von der normalen Wirtschaftsförderung begleitet werden. Steinbach wies darauf hin, dass erfolgreiche Startups oft von anderen Unternehmen gekauft werden: „Dann ist das Startup selbst vielleicht nicht mehr am Markt - die Innovation aber schon.“

Und es gibt Informationsdefizite. Als Bundestagsabgeordnete hatte sich Schüle immer wieder für das Forschungszulagengesetz eingesetzt. Es ermöglicht kleinen Unternehmen, die selbst keine Forschungsabteilung haben, für Ausgaben für Forschung und Entwicklung eine Steuergutschrift in Anspruch zu nehmen. Doch als Schüle Professoren der THB nach den Erfahrungen damit befragte, waren die Antworten ernüchternd: Kaum jemand hatte davon gehört.

Fassadenteile aus Metall

So war es auch bei einer weiteren Station, in der Metallbaufirma von Oliver Windeck. Er ist Chef des mittlerweile in fünfter Generation geführten Familienbetriebes in Rietz, einem Ortsteil von Kloster Lehnin. Spezialisiert ist das Unternehmen auf Fassadenteile aus Metall - am A380-Terminal am Frankfurter Flughafen, an der ILB in Potsdam oder am Futurium in Berlin arbeitete das 135 Mitarbeiter zählende Unternehmen mit, das mit der THM kooperiert. „Wir haben Werkstudenten hier und Absolventen, die ihre Masterarbeit bei uns schreiben“, sagt Juniorchef Sebastian Windeck. Doch wer seinen Master in Fassadentechnik machen will, muss dazu nach Mosbach bei Heidelberg gehen: In der Region wird der Studiengang nicht angeboten. „Den bekämen Sie hier nicht voll“, sagt Oliver Windeck. Persönlich würde er sich über intensivere Kontakte zu Brandenburgs Hochschulen aber freuen: „Wir müssen Gesprächsforen finden, wo auch wir als Handwerker hingehen“, sagt Windeck. Womit er bei den beiden Brandenburger Ministern auf offene Ohren stieß. „Ich erlebe zu viele Firmen, die zu spät an einen Wechsel in ihrem Produktportfolio gedacht haben“, sagte Steinbach. „Es ist meine Hoffnung, dass wir daran mit den Hochschulen stärker arbeiten können.“


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