Brandenburg : Zu wenige Psychologen

Berufsverband und Elternvertreter warnen vor Arbeitsüberlastung an Brandenburger Schulen

Christian Bark

Potsdam - Die Schulpsychologen in Brandenburg stoßen zunehmend an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. „Gerade in der Fläche herrscht Unterversorgung. Wir sind zu wenige im Land“, sagt die Vorsitzende des Landesberufsverbands der Schulpsychologen, Heidrun Weinert. Das Potsdamer Bildungsministerium räumt ein, dass es trotz Personalmitteln von jährlich 1,8 Millionen Euro in den ländlichen Regionen Brandenburgs immer wieder schwierig sei, Stellen für Schulpsychologen zu besetzen.

„Rechnerisch ist in Brandenburg jeder der 32 Schulpsychologen für 7489 Schüler und 497 Lehrer zuständig“, erklärt der Sprecher des Ministeriums, Florian Engels. Damit liege Brandenburg verglichen mit anderen Bundesländern im „guten Mittelfeld“. So gelte in Baden-Württemberg beispielsweise ein Schlüssel von einem Schulpsychologen für mehr als 16 000 Schüler.

„Nicht alle der 32 Schulpsychologen besetzen Vollzeitstellen“, erklärt dagegen Heidrun Weinert. Sie selbst sei in Oranienburg (Oberhavel) nur halbtags tätig. Neben den vier Regionalstellen, in denen jeweils maximal zwei Schulpsychologen arbeiten, gebe es noch 22 Außenstellen für die Fläche. Dort sei die Arbeit für die Kollegen wegen langer Fahrzeiten oft mühsam. Dass jeder Schulpsychologe rechnerisch für knapp 7500 Schüler zuständig sei, kann Weinert nicht bestätigen. „Bei einigen Kollegen sind es bis zu 10 000 Schüler“, sagt sie. Empfehlenswert sei ein Schlüssel von 1:5000.

Zudem werde das Aufgabenfeld des Schulpsychologen immer komplexer, sagt Weinert. „Wir beraten Lehrer und Schüler, wie sie mit Konflikten umgehen können.“ So habe sie einmal eine Gesprächsrunde mit Schülern, der Polizei sowie der betroffenen Lehrerin organisiert, nachdem ein Schüler im Internet gegen die Pädagogin gewettert hatte. „Der Dialog in der Gruppe ist wichtig“, sagt die Psychologin.

In Fällen wie Computer- oder Drogensucht könnten selbst Schulpsychologen nur vermitteln. „Dann stellen wir Kontakt zu Suchtkliniken her“, berichtet Weinert. Probleme mache auch der relativ hohe Altersdurchschnitt ihrer Berufszunft im Land. Da gebe es mögliche Verständnisprobleme bei Phänomenen wie etwa Cybermobbing, bei dem sich Schüler im Netz gegenseitig diffamierten. Immerhin gebe es bei den Schulpsychologen inzwischen einen Generationswechsel.

Auch der Landeselternrat teilt Weinerts Ansicht, dass es zu wenig Schulpsychologen in Brandenburg gibt. „Sie sollten zudem näher an den Schulen sein“, empfiehlt Sprecher Wolfgang Seelbach. Ohnehin würden die Experten häufig erst dann konsultiert, wenn „das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“. Darum sei für die Vorbeugung auch die Arbeit der Schulsozialarbeiter in Brandenburg wichtig. „Sozialarbeiter sind direkt an den Schulen und können bei besonderen Problemlagen gezielt unterstützen“, sagt Seelbach. Mit ihrer Hilfe würden besondere Schulprogramme, etwa zur Gewaltprävention, umgesetzt.

Derzeit gibt es nach Informationen des Bildungsministeriums Sozialarbeiter an rund 200 der insgesamt rund 750 Schulen in öffentlicher Trägerschaft, über deren Einsatz die Kommunen entscheiden. Das Land beteilige sich mit jährlich fünf Millionen Euro an den Personalkosten von mehr als 500 sozialpädagogischen Fachkräften. Laut Koalitionsvertrag der rot-roten Landesregierung sollen 100 zusätzliche Stellen für Schulsozialarbeiter geschaffen werden. „Das begrüßen wir“, sagt Seelbach. Ohnehin hätten Schüler oft weniger Hemmungen, sich den Sozialarbeitern statt Lehrern, Eltern oder Schulpsychologen anzuvertrauen.

So sieht das auch die Landesschülersprecherin Pauline Reinicke. Wie Weinert und Seelbach befürwortet sie multifunktionale Teams nach skandinavischem Vorbild – mit Lehrern, Krankenschwestern, Schulpsychologen und Sozialarbeitern. Probleme wie Mobbing sind der 17-Jährigen an ihrer Schule in Velten (Oberhavel) kaum bekannt. „Wir hatten mal einen Fall, als zwei Schüler Nacktbilder von jeweils dem anderen ins Internet gestellt haben“, erinnert sie sich. Die Schüler hätten dann die Schule gewechselt.

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