• Waldzustandsbericht: Brandenburgs Wäldern geht es schlecht
Update

Waldzustandsbericht : Brandenburgs Wäldern geht es schlecht

Brandenburgs Wald geht es so schlecht, wie seit 1991 nicht mehr. Die Landesregierung setzt auf einen Waldgipfel. Doch Experten wollen auch über andere Baumarten diskutieren.

Benjamin Lassiwe
Besonders Buchen und Eichen sind in Brandenburgs Wäldern gefährdet. Aber auch Nadelbäumen geht es schlecht. 
Besonders Buchen und Eichen sind in Brandenburgs Wäldern gefährdet. Aber auch Nadelbäumen geht es schlecht. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Potsdam - Vor der Potsdamer Staatskanzlei liegt eine tote Fichte. Hergebracht haben sie Klimaaktivisten von „Extinction Rebellion“. Sie veranstalten am Mittwoch einen „Trauermarsch für den Brandenburger Wald“: Ein Kranz wird niedergelegt, und zur Melodie von „O Tannenbaum“ singen die Demonstranten: „Oh Märkisch Wald, oh Märkisch Wald, wie kahl sind deine Stämme.“ Und Brandenburgs Forstminister Axel Vogel (Bündnis 90/Die Grünen) freut sich über den Protest. „Ihre Aktion ist wunderbar“, ruft er den Demonstranten zu. Denn sie sorge für Aufmerksamkeit für den kranken Brandenburger Wald.

Wenige Minuten zuvor hatte Vogel im Presseraum der Staatskanzlei den diesjährigen Waldzustandsbericht der Landesregierung vorgestellt. Die Nachrichten, die er zu verkünden hatte, waren katastrophal. Brandenburgs Wald ist durch die Trockenheit der Jahre 2018 und 2019 so stark geschädigt wie seit 1991 nicht mehr. Während im vergangenen Jahr noch elf Prozent der Bäume deutliche Schäden aufwiesen, waren es in diesem Jahr 37 Prozent – also mehr als ein Drittel der Brandenburger Waldfläche. 

Buchen und Eichen leiden besonders

„Trockenheit, Hitze und Stürme haben den Wald in Dauerstress versetzt“, sagte Vogel. Vor allem der Zustand von Eichen und Buchen sei „besorgniserregend“: Nur noch sechs Prozent der Brandenburger Buchen und nur noch acht Prozent der Eichen sind gesund.

Der Klimawandel ist im Wald angekommen“, sagte Vogel. Deswegen müsse Brandenburg den Waldumbau verstärken – statt der noch vielfach üblichen Kiefernmonokulturen müsse es einen Mischwald mit klimaangepassten Baumarten geben. Wichtig sei auch die sogenannte „Naturverjüngung“: Also Bäume, die sich durch eigene Samen im Wald fortpflanzen. „Damit Naturverjüngung auftreten kann, brauchen wir dringend angepasste Schalenwildbestände“, sagte Vogel – und forderte damit zumindest zwischen den Zeilen zu einer verstärkten Jagd auf Rehe und Hirsche auf, für die junge Triebe bekanntlich als Delikatesse auf dem Speiseplan stehen.

Ein weiteres Problem ist das massenhafte Auftreten von Schadinsekten. Vor allem ganz im Südwesten Brandenburgs, im Landkreis Elbe-Elster, haben sich die Kiefernbuschhornblattwespe, der Borkenkäfer und zahllose andere Schadinsekten durch den Wald gefressen. Und gerade bei den Kiefern wird man wohl erst im kommenden Jahr die wirklichen Auswirkungen der Dürrejahre spüren. Land, Bund und EU wollen in den kommenden Jahren deswegen rund 19 Millionen Euro zur Bewältigung der Dürrefolgen für den Wald und für den Waldumbau zur Verfügung stellen. Und Vogel will schon Anfang 2020 einen „Brandenburger Waldgipfel“ veranstalten, um in Zusammenarbeit von Forstverwaltungen, Waldbesitzern, Wasserwirtschaft, Jagd und Naturschutz ein „gesellschaftliches Bündnis für den Wald“ zu schmieden und Strategien zur Anpassung der Wälder an die zunehmenden Extremwetterereignisse erarbeiten zu lassen.

Die Küstentanne könnte in den Brandenburger Wald kommen

Aus Sicht der Brandenburger Waldbesitzer muss es dabei dann auch um die Frage gehen, welche Baumarten künftig im Brandenburger Wald zu finden sind. „Es wird wirklich darauf ankommen, dass wir mit präzisen Standortinformationen die richtige Baumartenwahl treffen und uns keine Denkverbote auferlegen, was Gastbaumarten angeht“, sagt Thomas Weber, der Vorsitzende des Brandenburger Waldbesitzerverbands, auf Anfrage dieser Zeitung. Auch Esskastanie, Roteiche und Küstentanne könnten aus seiner Sicht künftig für den märkischen Wald in Frage kommen. Der aktuelle Waldzustand bedeute jedenfalls, dass die ökonomische Grundlage für die Waldbewirtschaftung in Frage gestellt werde. „Waldbesitzer leben zu fast 100 Prozent aus Erlösen des Holzverkaufs“, sagte Weber. „Wenn ich keine Erlöse mehr habe, wie soll ich dann investieren?“ 

In die gleiche Kerbe schlägt auch Gregor Beyer, Vorsitzender der „Schutzgemeinschaft Deutscher Wald“ (SDW). „Wir müssen uns auch selbst hinterfragen“, sagt Beyer. In Brandenburg seien 25 Jahre lang Buchen zum Waldumbau gepflanzt worden. Nun zeige sich aber, dass gerade die Buchen vom Klimawandel besonders betroffen seien. „Wir brauchen den Mut zum Experiment“, sagt Beyer. „Wir müssen auch neue Baumarten ausprobieren.“

Senftleben fordert Stopp des Personalabbaus

Der frühere CDU-Spitzenkandidat und -Landesparteichef Ingo Senftleben rief als forstpolitischer Sprecher seiner Fraktion gestern deswegen zu einer intensiven Unterstützung der Waldbesitzer auf. Dafür sei ein leistungsfähiger Landesbetrieb Forst eine Grundvoraussetzung. „Für mich steht dabei fest, dass wir umgehend den Personalabbau bei den Forstmitarbeitern stoppen müssen“, sagte Senftleben. „Nur im Zusammenspiel von Waldbesitzern und einem starken Landesforstbetrieb werden wir die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich angehen und die Wälder für nachfolgende Generationen erhalten“. 

Der umweltpolitische Sprecher der Linken, Thomas Domres, äußerte sich ähnlich. Der Waldgipfel müsse ein ehrgeiziges Projekt zum Waldumbau und Fördermittel für nachhaltige Waldentwicklung zur Folge haben. Außerdem brauche es Hilfe für Privatwaldbesitzer bei der Schadensbeseitigung und Walderneuerung und eine arbeitsfähige und in der Fläche präsente Landesforstverwaltung. „Deutschland muss endlich eine Vorreiterrolle im Klimaschutz einnehmen, damit das 1,5-Grad-Ziel eingehalten werden kann“, so Domres. „Sonst sind manche Wälder langfristig kaum zu retten.“

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.