Brandenburg : Vorbereitung auf den Abschied

Das Dorf Atterwasch soll dem Braunkohleabbau weichen. Den Protest hat Uwe Brose längst aufgegeben

Widerstand. Nicht alle haben aufgegeben. Neben der Kirche in Atterwasch (Spree-Neiße) hängt ein Protestplakat. Das Gotteshaus soll wie der ganze Ort demnächst dem Braunkohletagebau weichen. Rund 240 Einwohner müssten umgesiedelt werden.
Widerstand. Nicht alle haben aufgegeben. Neben der Kirche in Atterwasch (Spree-Neiße) hängt ein Protestplakat. Das Gotteshaus soll...Foto: Georg Ismar/dpa

Atterwasch - Uwe Brose ist müde. Jahrelang hat er sich zur Wehr gesetzt, auf seiner eigens eingerichteten Internetseite zum Protest aufgerufen, doch nun ist das Kapitel Widerstand für den 46-Jährigen abgeschlossen. Längst hat er begonnen, sich auf den Abschied aus seiner Heimat einzustellen. Atterwasch ist einer von drei Ortsteilen der Gemeinde Schenkendöbern im Landkreis Spree-Neiße, die in den kommenden Jahren dem Braunkohleabbau weichen sollen. Noch ist das Planungsverfahren für die Erweiterung des Tagebaugebietes Jänschwalde-Nord zwar nicht abgeschlossen, doch Brose ist sich sicher: Die Zukunft seines Geburtsortes ist besiegelt. „Wir gehen davon aus, dass unser Dorf abgebaggert wird.“

Von den Plänen des Energiekonzerns Vattenfall haben die rund 240 Einwohner vor etwa vier Jahren erfahren. 2007 wurde die Inanspruchnahme bekannt gegeben. Mit brennenden Kerzen sind die Atterwascher durch ihren Ort gezogen, um vor ihrer Kirche gegen die Abbaggerung und Vertreibung zu protestieren. Bei klirrender Kälte trafen sie sich mit den ebenfalls betroffenen Nachbarn aus Kerkwitz und Grabko zum Sternmarsch. Genützt hat es bislang nichts. Zumindest im fernen Potsdam hat der Widerstand noch keinen nachhaltigen Effekt gehabt. Gerade ein einziges Mal sei Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) nach Atterwasch gekommen, erinnert sich Brose. „Mit den Betroffenen selbst hat er gar nicht gesprochen“, sagt er. Wenn Brose von damals erzählt, klingt es, als berichte er aus einer Zeit, die er bereits aus seinem Lebenslauf gestrichen hat und an die er auch lieber nicht mehr erinnert werden will. Dass Platzeck derzeit an der Renaissance der Braunkohle bastelt, findet er nicht verwunderlich. „Man hat es geahnt. Die Landesregierung versucht auf der Welle der Energiewende-Debatte die Braunkohle wieder salonfähig zu machen.“

Derzeit fördert Vattenfall an drei Standorten im Land Brandenburg und zweien im Nachbarland Sachsen Braunkohle. Noch bis zu 1,2 Milliarden Tonnen des fossilen Energieträgers lagern nach Angaben des Konzerns in den erschlossenen Tagebauen. Das Potenzial der Region schätzt Vattenfall indes auf bis zu zwölf Milliarden Tonnen. Fünf neue Tagebauflächen auf brandenburgischem und sächsischem Gebiet will der Konzern noch aufschließen. Für drei Fördergebiete laufen bereits die Planungsverfahren, darunter auch für Jänschwalde-Nord und das knapp 20 Kilometer entfernte Gebiet Welzow-Süd. Würden alle drei Abbauflächen genehmigt, müssten nach Angaben der Grünen Liga rund 3200 Anwohner im Land Brandenburg und in Sachsen umgesiedelt werden.

Im Vergleich zu denen, die bereits weichen mussten, ist das jedoch kaum der Rede wert. Laut der Grünen Liga verloren allein in der Lausitz in den vergangenen 80 Jahren mehr als 30 000 Menschen ihre Heimat. Insgesamt 136 Orte seien ganz oder teilweise von der Landkarte verschwunden. Zuletzt fiel das Dorf Horno (Spree-Neiße) im heutigen Tagbau Jänschwalde den Abrissbaggern zum Opfer. 350 Einwohner mussten den Ort verlassen, das letzte Haus wurde 2005 geräumt.

Wird die Erweiterung von Jänschwalde genehmigt, verschwinden nicht nur die Wurzeln von Uwe Broses Kindheit, sondern auch die von seinem Vater. „Als die Inanspruchnahme verkündet wurde, hatte er Tränen in den Augen“, weiß Uwe Brose noch. Von Platzeck ist er enttäuscht. „Kaum ist irgendwo Hochwasser, steht er auf jedem Deich. Ich will solche Katastrophen nicht kleinreden, doch irgendwann ist das Wasser auch wieder weg. Uns wird die Heimat dagegen für immer genommen.“

Andererseits, glaubt Brose, seien die Einflussmöglichkeiten der Landesregierung ohnehin nur gering. Zu groß seien die Abhängigkeiten der Politik von dem mächtigen Energiekonzern. „Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.“