Von Jana Haase : Besuch von drüben

Polen sind in Brandenburg längst auch ein Wirtschaftsfaktor – auch als Touristen

Im 20-Minuten-Takt. Die Fähre auf dem deutsch-polnischen Grenzfluss Oder zwischen Güstebieser Loose und der Gemeinde Gozdowice in Polen befördert täglich Fußgänger, die zum Einkaufen und Bummeln kommen.
Im 20-Minuten-Takt. Die Fähre auf dem deutsch-polnischen Grenzfluss Oder zwischen Güstebieser Loose und der Gemeinde Gozdowice in...Foto: Patrick Pleul/dpa

Potsdam - In Polen ist er ein Fernsehstar, in Deutschland kaum bekannt. Wenn der Kabarettist und Wahlpole Steffen Möller trotzdem im brandenburgischen Freizeitpark „Tropical Islands“ auf der Bühne steht, dann hat das vor allem einen Grund: die Betreiber der Tropenwelt in der ehemaligen Cargolifter-Werfthalle in Brand haben das östliche Nachbarland als wichtigen Markt entdeckt. Den Auftrittstermin habe man bewusst auf einen Brückentag im polnischen Urlaubskalender gelegt, sagt Pressereferentin Theresa Dühn: „Bei unseren polnischen Gästen kam das gut an!“

Polnische Beschilderung, polnische Speisekarten, ein polnischsprachiger Internetauftritt: Damit ist das Tropical Islands keine Ausnahme in Brandenburg. Auch der Spreewald wirbt im Netz auf „polski“, das Erlebnisbad Aquamarin in Schwedt oder der Filmpark Babelsberg in Potsdam. Das Tourismusgeschäft mit den Gästen aus dem Osten brummt nach der Finanzkrisen-Flaute vom Vorjahr.

27 178 polnische Touristen zählte die Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH (TMB) von Januar bis August 2010 – ein Plus von 23,9 Prozent gegenüber 2009. Auch Hotels und Pensionen profitierten vermehrt: Die Übernachtungen polnischer Gäste stiegen um 32,3 Prozent auf 55 984. Mehr als jedes zehnte Gästezimmer in Brandenburg wird damit von Besuchern aus Polen gebucht. Die TMB geht von einem Jahresumsatz von gut einer Million Euro durch polnische Touristen aus.

Aber das Nachbarland im Osten ist nicht nur in der Tourismus-Branche ein Wirtschaftsfaktor geworden. Auch zum Einkauf kommen Polen gerne nach Schwedt, Guben oder Frankfurt (Oder) – weil sie sich hier bessere Qualität und niedrigere Preise erhoffen.

Zum Beispiel im Oder-Center, einem Einkaufszentrum mit 66 Läden, Cafés und Restaurants in Schwedt. Rund 40 Prozent der Kunden kommen aus Polen hierher, zu Spitzenzeiten sind es sogar 70 Prozent, sagt Silvio Moritz, Geschäftsführer der uckermärkischen Wirtschaftsförderung. „Das Oder-Center überlebt nur durch polnische Kunden“, meint er. Gut 50 Kilometer sind es bis zur 400 000-Einwohner-Stadt Szczecin/Stettin. Den Weg nehmen die Polen auf sich, weil sie in Deutschland günstiger einkaufen können, so Moritz. „Lebensmittel, Parfüm, Waschmittel, aber auch Technik ist bei uns billiger.“

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Kundenbefragung der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Hier kommen die Pendel-Käufer hauptsächlich aus dem nahegelegenen Slubice, geben für den Einkauf im Durchschnitt 50 Euro aus, suchen besonders nach Kleidung, Lebensmitteln und Drogerieartikeln und kombinieren ihre Einkaufstour gern mit anderen Freizeitaktivitäten.

Auch als Wohnort ist die Grenzregion für Familien aus Polen zunehmend beliebt: „Bauland ist in Polen teurer als bei uns, vor allem Bauerngehöfte sind hier kostengünstiger“, weiß Silvio Moritz: „Die Uckermark entwickelt sich zum Speckgürtel von Stettin.“

Ganz so positiv will Frank Gotzmann, Verwaltungschef im Amt Gartz direkt an der polnischen Grenze, die Lage jedoch nicht sehen. „Das steckt alles erst in den Anfängen“, sagt er. Damit sich die Region im Umfeld von Stettin zur grenzüberschreitenden „Metropolregion“ entwickeln kann, fehle es an der nötigen Infrastruktur. Dass etwa der zweispurige Ausbau der Bahnstrecke Berlin-Stettin immer noch in den Sternen steht, ärgert den Amtsdirektor. „Wir werden in der Landespolitik oft übersehen“, sagt er: „Aber wir gucken selbst eher nach Stettin als nach Potsdam.“ Denn wenn sich die polnische Hafenstadt entwickele, profitiere auch die Uckermark. „Ansonsten haben wir überhaupt keine Perspektive.“ 325 der insgesamt 7100 Einwohner in Gartz haben mittlerweile einen polnischen Pass: „Das sind vor allem junge Familien, Ärzte, Polizisten, Lehrer.“

Auf diese Zuzügler hat sich die evangelische Salveytal-Grundschule bereits eingestellt: Zwei der drei festangestellten Lehrerinnen kommen aus Polen, berichtet Schulkoordinatorin Maritta John. Derzeit lernen 28 Kinder an der Schule – sieben haben polnische Eltern. „Die Unterrichtssprache ist deutsch“, erklärt Maritta John: „Aber wenn die Kinder nicht genügend Vorkenntnisse mitbringen, wird auch polnisch geredet.“ Neben Englisch werde Polnisch als „Begegnungssprache“ angeboten. Deswegen kleben an den Möbeln im Klassenzimmer auch Zettel mit der polnischen Bezeichnung. „Stól“ ist der Tisch, „szafa“ der Schrank.

Etwas ähnliches gibt es auch im „Tropical Islands“: Ein eigens zusammengestelltes Vokabelbuch und ein Video-Kurs sollen die Mitarbeiter fit für die Gäste aus dem Osten machen. Außerdem können sie Polnischkurse im Haus belegen, sagt Theresa Dühn. 13 Prozent der Gäste kämen mittlerweile aus Polen, ein neuer Rekord. Wie viel Umsatz sie nach Brand bringen, kann Dühn zwar nicht sagen, aber: „Gefühlt geben polnische Besucher sicher mehr aus als Besucher aus Berlin und Brandenburg, da sie meist auch übernachten.“

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