Brandenburg : Unser kleines BERchen

Der Airport kann nur 21 Millionen Leute abfertigen. Von dem Problem erfuhr Wowereit letzte Woche

Berlin - Nach den verschobenen Starts und den gewaltigen Kostensteigerungen droht am Flughafen BER die nächste Pleite: Die von den PNN publik gemachten internen Warnungen von Flughafenchef Hartmut Mehdorn, dass im Terminal anfangs lediglich 21 Millionen und nicht wie geplant 27 Millionen Fluggäste abgefertigt werden können, haben die Politik aufgeschreckt. Und sie haben Spekulationen ausgelöst, ob die Kapazitätsnot am BER zum Entschluss von Klaus Wowereit (SPD) beigetragen hat, sich aus dem Roten Rathaus und dem Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft zurückzuziehen.

Zumindest die zeitliche Nähe fällt auf. Vorigen Donnerstag hatte Mehdorn den BER-Aufsichtsratschef Wowereit im Projektausschuss gewarnt, dass eine sichere Inbetriebnahme stark gefährdet sei – und erstmals die brisanten Zahlen präsentiert. Mehdorns Angabe zur Kapazität von 21 Millionen Fluggästen steht in krassem Gegensatz zu den 31,4 Millionen Fluggästen, die die Hauptstadtregion 2016 nach einer nach oben korrigierten offiziellen Luftverkehrsprognose vom Februar erwarten kann.

Die Konsequenz aus dieser Lücke – es geht ja um zehn Millionen Fluggäste – ist, dass BER-Eigentümer Berlin, Brandenburg und der Bund dringend eine Lösung finden müssen. Und damit dürften neue Kosten auf die öffentliche Hand zukommen. Intern hat Mehdorn diese gegenüber dem Aufsichtsrat kurzfristig auf 800 Millionen Euro beziffert – mittelfristig auf weitere 1,4 Milliarden Euro. Dabei sind die Kosten des Flughafens, der einmal zwei Milliarden Euro kosten sollte, bereits auf 5,4 Milliarden Euro geklettert. Die Ende Juni zuletzt vom Aufsichtsrat bewilligten 1,1 Milliarden Euro sind noch nicht von den Parlamenten Berlins und Brandenburgs sowie vom Bundestag beschlossen.

Einen haben die neuen Zahlen überhaupt nicht überrascht. Das ist der Flughafenplaner Dieter Faulenbach da Costa, der vor zwei Jahren, in einem Gutachten für die CDU-Landtagsfraktion in Potsdam, exakt zum gleichen Ergebnis gekommen war wie jetzt Mehdorn: Im neuen Terminal könnten, so da Costa damals, 17 Millionen Passagiere jährlich mit gutem, 21 Millionen Passagiere mit akzeptablem Service und noch zumutbaren Wartezeiten abgefertigt werden – nicht aber die 27 Millionen Fluggäste.

„Die müsste man mit der Peitsche abfertigen“, sagte da Costa am Donnerstag dieser Zeitung. „Man hätte Zeit und Geld sparen können, hätte man auf mich gehört“. Der Grund für die Kapazitätslücke sei, dass im Terminal – architektonisch schick – zu wenige Check-in-Schalter geplant worden sind, die Gepäckanlage zu klein ist und auch zu wenige Flugzeuge außen an das Terminal andocken können. Er empfiehlt eine radikale Lösung: Im neuen BER-Terminal sollten allein die Linienflugpassagiere, also die Premiumklasse, abgefertigt werden. Für die Billigflieger sollten andere Lösungen gefunden werden – etwa durch eine Weiternutzung des alten Schönefelder Terminals. Einen dauerhaften Weiterbetrieb des alten Schönefelder Flughafens lehnt der Bund aber strikt ab, wie aus einer aktuellen Antwort der Bundesregierung an den Bundestag hervorgeht, weil dies eine Verlagerung des geplanten und genehmigten Regierungsterminals nach sich ziehen würde. Im Projektausschuss des Flughafenausschusses hatte Mehdorn wegen Kapazitätsnot letzte Woche aber grünes Licht erhalten – zumindest in der BER-Startphase. Da kann Mehdorn die alten Flughafenterminals einplanen.

Der Flughafen wollte keinen Kommentar zu den aus Flughafen-Dokumenten hervorgehenden Warnungen Mehdorns abgeben. Auch Offizielle in Brandenburg, wo am 14. September Landtagswahl ist, hielten sich bedeckt. „Aus dem Flughafen wird nie etwas“, sagte Alexander Gauland, Spitzenkandidat der AfD. Diese kann nach Umfragen in den Landtag einziehen. Und CDU-Oppositionsführer Michael Schierack sagte: „Jetzt, da klar ist, dass die Steuerzahler weitere zwei Milliarden Euro aufbringen müssen, damit ein funktionierender Flughafen eröffnen kann, schweigt der Ministerpräsident.“ Die Brandenburger hätten vor der Wahl „ein Anrecht, die Wahrheit zu erfahren.“