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Ukrainische Schüler in Brandenburg : Hilfsbereitschaft trifft auf Überforderung

In Brandenburg werden bereits 138 aus der Ukraine geflüchtete Kinder und Jugendliche unterrichtet. SPD-Bildungsministerin Britta Ernst rechnet mit insgesamt mehreren Tausend ukrainischen Schülern, die aufgenommen werden müssen.

Marion Kaufmann
Zahlreiche Kinder aus der Ukraine werden bereits an Schulen in Deutschland unterrichtet. 
Zahlreiche Kinder aus der Ukraine werden bereits an Schulen in Deutschland unterrichtet. Foto: dpa

Potsdam - Brandenburgs Schulen haben die ersten Kinder aus der Ukraine aufgenommen und bereiten sich darauf vor, weitere Geflüchtete aus dem Kriegsland zu unterrichten. 138 ukrainische Kinder und Jugendliche seien bereits im Unterricht, sagte Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) am Montagabend bei einem Pressegespräch. 799 warteten aktuell darauf, eine Brandenburger Schule besuchen zu können. Möglichst unbürokratisch soll die Aufnahme nicht nur von Schülern, sondern auch von ukrainischen Lehrkräften geregelt werden, verspricht Ernst. „Flexibilität und Pragmatismus“ seien jetzt gefragt, so die Ministerin.

Kinder und Jugendliche aus der Ukraine können sich bei ihrer Wunschschule melden. Diese entscheidet dann, ob eine Aufnahme möglich ist. Wird das Kind mangels Kapazitäten abgelehnt, wird das jeweils zuständige staatliche Schulamt aktiv. An jedem der vier Schulämter in Brandenburg/Havel, Neuruppin, Cottbus und Frankfurt (Oder) ist laut Ernst eine Schulrätin für die Vermittlung der Schulplätze für Geflüchtete zuständig. In Frankfurt (Oder) ist zudem eine übergeordnete Gesamtkoordinatorin für das gesamte Land eingesetzt worden.

Doch im Moment gibt es viel Ungewissheit, die das Planen erschwert: Wie viele Kinder und Jugendliche werden es insgesamt sein, wie verteilen sie sich über das Land, wie lange werden sie in Brandenburg Zuflucht suchen? Wie gut sind ihre Deutschkenntnisse und wie Kindern helfen, die durch Krieg und Flucht traumatisiert sind? Zwar seien die Schulen durch die Flüchtlingskrise 2015 schon geübt in der Integration von Kindern, aber dennoch, räumt Ernst ein, hätten die Schulen „Angst vor einer Überforderungssituation“. Die Hilfsbereitschaft der Schulen sei groß, „aber wir treffen wegen Corona auf erschöpfte Lehrer“, so Ernst.

Fehlende Räume und Lehrermangel

Denn die neue Herausforderung offenbart einmal mehr, welche Probleme es an Brandenburgs Schulen ohnehin schon gibt. Neben fehlenden Räumen gerade im Berliner Umland ist das vor allem der Lehrermangel. Ohne Seiteneinsteiger – an manchen Ober- und Grundschulen liegt deren Anteil schon über 25 Prozent – war der Unterricht schon vorher nicht abzudecken. 

Was die Rekrutierung von zusätzlichem Personal angehe, sei sie „verhalten optimistisch“, sagt Ernst. Ohne ukrainische Hilfe, macht sie klar, sei die Beschulung der geflüchteten Kinder – das Ministerium rechnet mit mehreren Tausend – nicht zu organisieren. 

Das Bildungsministerium sucht für den Unterricht deshalb Lehrkräfte aus der Ukraine. 80 Bewerbungen gebe es bereits, so Ernst. Die Interessenten sollen ohne langwierigen Bürokratiemarathon schnell an den Schulen unterrichten können, sichert sie zu. Derzeit seien bereits 20 Lehrkräfte mit ukrainischem Hintergrund an Brandenburgs Schulen tätig.

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Da Deutsch in der Ukraine neben Englisch als erste Fremdsprache angeboten werde, gehe man davon aus, dass ein Teil der geflüchteten Schüler bereits Deutschkenntnisse habe, so Bildungsstaatssekretär Steffen Freiberg. Wenn die Kinder und Jugendlichen der Sprache bereits mächtig sind, würden sie ihrem Alter und ihrer Vorbildung entsprechend in einer Regelklasse unterrichtet. Anderenfalls erhielten sie zusätzliche Förderung in einer Vorbereitungsgruppe oder in einem Förderkurs. 

Wesentliche Lehrpläne identisch

In den Vorbereitungsgruppen können dem Ministerium zufolge sowohl Deutschkurse als auch Unterricht auf Ukrainisch erfolgen. Es gilt der deutsche Lehrplan. Die wesentlichen Lerninhalte seien identisch mit denen in der Ukraine, so das Ministerium, auch wenn das Land kein föderales, sondern ein zentrales Bildungssystem habe. Ansonsten setze das Land auf flexible Lösungen. „Wenn eine ukrainische Lehrerin in einem Gemeindesaal 20 Kinder unterrichtet, hätte ich da vollstes Vertrauen“, so Ernst. 

Ukrainischen Jugendlichen, die kurz vor dem Abschluss stehen, werde ermöglicht, diesen in ihrem Heimatland zu machen. Die Schulpflicht in Deutschland werde für diese Schüler ausgesetzt, so Ernst, damit sie online weiter ihre ukrainischen Kurse besuchen könnten. Was diese Möglichkeit angehe, „sind wir das offenste Bundesland“, sagt Ernst.

Überall mangelt es an Kapazitäten

Nach der Registrierung in Brandenburg haben Kinder, die etwa bei einer Gastfamilie untergekommen sind, zudem Anspruch auf einen Kitaplatz. Auch hier gibt es vor allem ein Problem: Fehlende Kapazitäten, gerade im berlinnahen Raum. Auch hier will man den Trägern laut Ernst ermöglichen, sowohl pädagogische Fachkräfte aus der Ukraine als auch sonstiges Personal ohne pädagogischen Hintergrund unbürokratisch anzustellen. 

Zudem bereitet sich das Land auf die Aufnahme von Minderjährigen aus ukrainischen Kinderheimen vor. Doch auch hier gilt: Die Kapazitäten sind begrenzt. In märkischen Heimen selbst gebe es keine freien Plätze, so das Ministerium. Jugendherbergen und Familienbildungsstätten hätten aber angeboten, Heimkinder aufzunehmen. Allerdings, erklärt Ernst, sei das nur eine Übergangslösung. Für Kinder ohne Eltern, die dauerhaft in Brandenburg bleiben sollen, müssten dann andere Möglichkeiten gefunden werden. 
 

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