• Terror im Land: Brandenburg will Katastrophen-Opfern künftig bessere Hilfe leisten

Terror im Land : Brandenburg will Katastrophen-Opfern künftig bessere Hilfe leisten

Nach dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz hagelte es Kritik an der unkoordinierten Betreuung. Nun hat die Polizei ein neues Konzept für den Ernstfall erarbeitet.

Eine Gedenkstelle erinnert an die Opfer des Anschlags vom Berliner Breitscheidplatz.
Eine Gedenkstelle erinnert an die Opfer des Anschlags vom Berliner Breitscheidplatz.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Potsdam - Chaos auf dem Berliner Breitscheidplatz. Verletzte, Tote, dazwischen Einsatzkräfte. Menschen, die zum Zeitpunkt des Terroranschlags durch Anis Amri auf dem Weihnachtsmarkt sind, rennen panisch vom Platz, suchen nach Angehörigen. Manche von ihnen erfahren erst nach zwei Tagen, was mit ihren Familienmitgliedern passiert ist, wohin sie gebracht wurden. Anderen wird am Telefon mitgeteilt, dass ihre Mutter, ihr Vater, ihr Kind getötet wurde.

Die Augenzeugen, die sich vom Anschlagsort entfernt haben, geraten später zwischen die Mühlen der Bürokratie, sollen nachweisen, dass sie tatsächlich betroffen waren und Anspruch auf finanzielle Hilfe haben. „Ihnen wurde unterstellt, dass sie Geld abstauben wollen“, sagt Rosmarie Priet, Diplompsychologin und Vorsitzende der Brandenburger Opferhilfe, die mit einigen Opfern des Terroranschlags vom Dezember 2016 mit zwölf Toten zu tun hatte. „Sie fühlten sich unter Rechtfertigungsdruck – und haben dann ganz auf Hilfe verzichtet.“

Rosmarie Priet, 51, ist Diplom-Psychologin und Leiterin der Opferhilfe Brandenburg.
Rosmarie Priet, 51, ist Diplom-Psychologin und Leiterin der Opferhilfe Brandenburg.Foto: promo

Neues Konzept für den Ernstfall

Bei der Krisenbetreuung lief einiges nicht rund. Angehörige kritisierten, dass sie keine Ansprechpartner hatten. Aus den Erfahrungen in Berlin hat Brandenburg nun Lehren gezogen. Nach Auswertung des Terroranschlags haben die Brandenburger Polizei und Opferverbände ein Konzept erarbeitet, um im Ernstfall besser gerüstet zu sein und professionelle Hilfe für Opfer und Angehörige nicht nur vor Ort, sondern auch im Nachgang von Terror-, Unglücks- und Katastrophenfällen bieten zu können. Bei einer Fachtagung im Landespolizeipräsidium in Potsdam wurde das Konzept am Dienstag vorgestellt und beraten.

Das A und O des Handelns: Die verschiedenen Akteure – Polizei, Notfallseelsorge, Opferhilfe, Weißer Ring – müssen sich gegenseitig kennen und abgestimmt agieren. Auf dem Breitscheidplatz sei es vorgekommen, dass Seelsorger nicht hinter die Polizeiabsperrung durften – weil sich Polizisten und Helfer gar nicht kannten, erklärt Brandenburgs Präsidiumssprecher Torsten Herbst.

„Die Kompetenzen müssen geklärt sein“, sagt Stefan Baier, Leiter der Psychosozialen Notfallversorgung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). In Brandenburg existiere in jedem Landkreis ein Notfallseelsorger, erklärt der Pfarrer, der selbst mit seinem Team bei dem schweren Busunglück auf der A10 nahe des Schönefelder Kreuzes im Einsatz war.

13 Menschen kamen bei dem Unfall 2010 ums Leben – es war eins der schlimmsten Unglücke in Brandenburg in den vergangenen Jahren. Aber auch für Anwohner, die sich 2015 am Potsdamer Bürgerhaus am Schlaatz versammelt hatten, um der ermordeten Kinder Elias und Mohamed zu gedenken, war Baier als Seelsorger vor Ort. Egal ob bei solchen tragischen Ereignissen oder bei Katastrophenfällen sei für die Betroffenen wichtig zu wissen: „Dort könnt ihr Fragen stellen.“

Teamarbeit von Notfallseelsorgern und Polizei

„In Akutlagen ist es immanent, Betroffene aus einer Hand zügig und sensibel darüber zu unterrichten, was mit ihren Angehörigen passiert ist, in welches Krankenhaus sie gebracht wurden“, sagt Brandenburgs Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke, der in früheren Jahren im Polizeidienst auch selbst Todesnachrichten überbringen musste. „Die meisten Familienangehörigen brechen in so einer Situation völlig zusammen“, sagt er. Deswegen sei es wichtig, dass ein Polizist gemeinsam mit einem Notfallseelsorger die Familien aufsuche – und sie keinesfalls am Telefon oder vorab durch die Medien erfahren, dass ihr Angehöriger nicht mehr lebt.

Hans-Jürgen Mörke, Brandenburger Polizeipräsident
Hans-Jürgen Mörke, Brandenburger PolizeipräsidentFoto: Ralf Hirschberger/dpa

Um zügig eine Infohotline einzurichten, an der geschulte Mitarbeiter ohne personalisierte Details preiszugeben über die Art eines Unglücks und die Zahl der Verletzten Auskunft geben, existiert in der Polizeiinspektion Königs Wusterhausen bereits seit mehreren Jahren ein technisch entsprechend ausgestatteter Raum, der binnen 15 Minuten zu so einer Auskunftszentrale umfunktioniert werden kann.

Zwei Anti-Terror-Übungen fanden in Brandenburg statt

Die Betreuung von Opfern wurde dabei erst kürzlich bei zwei Anti-Terror-Übungen der Brandenburger Polizei trainiert. Einmal vergangenen November in Bernau (Barnim) und nun Anfang Juni gemeinsam mit der Bundeswehr in Lehnin (Potsdam-Mittelmark). Bei der Übung in Bernau, die ein Szenario ähnlich der Terrorserie in Paris im November 2015 nachstellte, wurde auch der Umgang mit Hinweisen und Anrufen von Angehörigen trainiert, die durch eine Klasse der Polizeiakademie Berlin und der Fachhochschule der Polizei in Brandenburg simuliert wurden.

Aber nicht nur die Akutversorgung mit Informationen soll in Brandenburg im Krisenfall künftig reibungsloser laufen. Vor allem die Nachsorge für Angehörige und Opfer soll besser koordiniert werden, wie bei der Fachtagung deutlich wurde. Anlaufstellen wie der Weiße Ring oder die Opferhilfe, die sechs Beratungsstellen in Brandenburg betreibt, kommen dann ins Spiel.

Schnell, aber behutsam

Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz habe gezeigt, dass die Arbeit in der Akutphase noch relativ gut funktioniert habe, sagt Jürgen Lüth, Vorsitzender des Weißen Rings in Brandenburg und früherer Cottbuser Polizeipräsident. „In der weiteren Betreuung gibt es aber noch Luft nach oben.“ Dabei geht es nicht nur um Terroranschläge. Lüth erinnert sich noch gut an einen Unglücksfall in Brandenburg und daran, wie wichtig es sei, „schnell, aber behutsam“ Betroffenen zu helfen.

1997 ereignete sich in Elsterwerda (Elbe-Elster) eine Explosions- und Brandkatastrophe, ausgelöst durch einen mit Benzin und Dieselkraftstoff beladenen Zug, der wegen überhöhter Geschwindigkeit im Bahnhof entgleiste. Zwei Menschen starben, acht wurden verletzt. Auch dort habe zunächst Chaos geherrscht – und die Menschen nach Ansprechpartnern gesucht, so Lüth.