• Streit um Vattenfall-Tagebau in der Lausitz: „Das Angebot können Sie in der Pfeife rauchen“

Streit um Vattenfall-Tagebau in der Lausitz : „Das Angebot können Sie in der Pfeife rauchen“

Vattenfall will Landwirte, die vom Tagebau Welzow II betroffenen wären, entschädigen. Hagen Rösch traut dem Konzern nicht mehr. Sein Firmenverbund soll der Erweiterung des Tagebaus weichen.

Foto: privat

Proschim - Ein richtiges kleines Familienimperium haben sich die Röschs seit der Wende in der Lausitz aufgebaut. Aus einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb haben Petra und Gerhard Rösch einen Mini-Konzern aus fünf Einzelunternehmen gemacht. Unter anderem betreibt das Paar von Porschim (Spree-Neiße) aus eine Rinderzucht, eine Milchproduktion, eine Fleischerei, erzeugt mit mehreren Solarparks und einer Biogasanlage Ökostrom. Zudem wächst auf ihren Feldern unter anderem Weizen, Raps und Mais. Insgesamt beschäftigen die Röschs 85 Mitarbeiter. Nun aber ist der „Gemischtwarenladen“, wie Sohn und Mitinhaber Hagen Rösch den Firmenverbund lieber bezeichnet, in Gefahr: Weil der Energiekonzern Vattenfall den nahen Tagebau Welzow erweitern will, soll Porschim weichen – und mit ihm die Röschs.

Den von einer möglichen Abbaggerung betroffenen Landwirten der Region nahe Senftenberg hat Vattenfall in der vergangenen Woche angeboten, gemeinsam nach Ersatzflächen für Äcker und Weiden zu suchen, die durch den Aufschluss des sogenannten Teilabschnitts II verloren gehen würden. Vattenfall bezeichnet sein Angebot als eine „einseitige rechtsverbindliche Verpflichtungserklärung“, Hagen Rösch dagegen hält die Versprechen des Energiekonzerns für wertlos. „Das Angebot können Sie in der Pfeife rauchen. Schon im Zusammenhang mit dem Teilabsabschnitt I haben wir sehr schlechte Erfahrungen mit diesen Selbstverpflichtungen gemacht“, sagt der 34-Jährige. Insgesamt 500 Hektar Fläche hätten er und seine Eltern bereits durch die Braunkohleförderung im ersten Teilfeld verloren, zugesagte Entschädigungen und Ersatzflächen habe man trotz einer entsprechenden Verordnung der Landesregierung bis heute nicht bekommen. Lediglich Aufträge zur Rekultivierung alter Tagebaubereiche hatten die Röschs erhalten. „In einem Schreiben hat uns das Land mitgeteilt, die Maßnahmen zur Existenzsicherung der landwirtschaftlichen Betriebe können letztlich nur realisiert werden, wenn Vattenfall Europe Mining sie akzeptiert“, berichtet der Juniorchef. Doch antstatt zu entschädigen, habe Vattenfall erklärt, seine Familie könnte die Ersatzflächen nur bekommen, wenn sie sich zu Welzow II entgegenkommend verhielten. „Das ist Erpressung. Das ist ein Straftatbestand“, regt sich Hagen Rösch auf. Kritik am Vattenfall-Angebot kommt auch vom Bauernbund Brandenburg. „Die Existenzgrundlage jeder Landwirtschaft ist der Boden, und genau der wird durch Braunkohle-Tagebaue unwiederbringlich zerstört“, stellt Bauernbund-Vorstandsmitglied Christoph Schilka, Landwirt aus Guhrow im Spreewald, fest. Kein ernst zu nehmender Landwirt könne die nach der sogenannten Rekultivierung bereitgestellten Kippenflächen als Boden bezeichnen, so Schilka weiter: „Der einzige Ertrag, der auf solchen Flächen sicher ist, sind die EU-Subventionen.“

Der Aufschluss des Teilabschnitts II würde dem Firmenverbund nach Schätzung von Hagen Rösch weitere 700 Hektar Fläche und damit die Existenzgerundlage kosten. Sowohl die Rindermast, die Kälberaufzucht sowie alle acht Solaranlagen und die erst 2007 in Betrieb genommene Biogasanlage müssten dem Tagebau weichen. Ein Umzug ist aus Röschs Sicht gar nicht möglich. „Wir haben riesige Lagerhallen, Büros, eine Tankstelle, ein Schlachthaus. Es ist undenkbar, alles bei laufendem Betrieb zu verlagern, ich kenne auch keinen, der sagt, das kann ich mir vorstellen“, meint Hagen Rösch.

Besonders tief sitzt der Frust, weil die Erweiterung des Tagebaus Welzow aus Röschs Sicht unnötig ist. Im Teilabschnitt I lägen nach wie vor 350 Millionen Tonnen Braunkohle. Das Kraftwerk Schwarze Pumpe könne aber bei Volllast pro Jahr gerade einmal zehn Millionen Tonnen verbrennen. Das reiche also noch für 35 Jahre, rechnet der 34-Jährige vor. „Ich weiß nicht, was das soll. Für eine Brückentechnologie ist das doch ein ganz schön langer Zeitraum.“ Matthias Matern