• Sonderstudie „Jugend in Brandenburg 2020“: Hohe Zustimmung für Corona-Regeln - Kontaktverbot belastet

Sonderstudie „Jugend in Brandenburg 2020“ : Hohe Zustimmung für Corona-Regeln - Kontaktverbot belastet

Wie kommen Brandenburger Jugendliche mit der Pandemie klar? Eine Studie liefert Antworten. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick.

Viele Kinder und Jugendliche verbringen während des Corona-Lockdowns mehr Zeit mit digitalen Spielen.
Viele Kinder und Jugendliche verbringen während des Corona-Lockdowns mehr Zeit mit digitalen Spielen.Foto: dpa

Potsdam - Kein Treffen mit Freunden, keine Party, Unterricht überwiegend digital, Stress mit den Eltern und unsichere Aussichten, was Ausbildungsplätze angeht. Wie kommen Brandenburger Jugendliche mit der Pandemie klar? Die repräsentative Sonderstudie der Universität Potsdam „Jugend in Brandenburg 2020 – Auswirkungen der Corona-Pandemie“ liefert erste Antworten. 

Für die Online-Umfrage wurden zwischen 24. September und 10. Dezember 2020 knapp 177.000 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren aus ganz Brandenburg angeschrieben, knapp zehn Prozent haben geantwortet. Die wichtigsten Befunde im Überblick.

LEBENSZUFRIEDENHEIT 

„Jugendliche leben gerne in Brandenburg, daran hat sich auch in der Pandemie nichts geändert“, sagte Brandenburgs Jugend- und Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) am Mittwoch bei der virtuellen Vorstellung der Studie. Vergleichswerte bietet die Jugendstudie von 2017. Der Zukunftsoptimismus sei sogar so hoch wie noch nie gewesen, sagte Dietmar Sturzbecher vom Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Potsdam. Gut 90 Prozent der Jugendlichen wiesen einen hohen oder „eher hohen“ Zukunftsoptimismus auf, heißt es in der insgesamten neunten brandenburgischen Jugendstudie seit 1991. 

Die Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit, der Wohnsituation, der finanziellen Lage und dem Verhältnis zu den eigenen Eltern hat der Studie zufolge trotz Pandemie im Vergleich zu 2017 leicht zugenommen. Die Werte liegen zwischen 81 und 93 Prozent. Gesunken ist die Zufriedenheit insbesondere bei Freizeitmöglichkeiten, der Schul- und Ausbildungssituation sowie den Beziehungen zu Freunden und Bekannten. Mit den Freizeitmöglichkeiten waren immerhin noch 76 Prozent der Jugendlichen zufrieden, 2017 waren es gut 81 Prozent. Das könne daran liegen, dass Jugendliche unterschiedliche Aktivitäten wichtig finden, so Sturzbecher. Manche bewerteten es zum Beispiel als positiv, nun mehr Zeit vor der Spielkonsole verbringen zu könnten.

Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD).
Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD).Foto: dpa

FAMILIENKLIMA 

Fast alle Jugendlichen (93,6 Prozent) berichten, sich „völlig“ oder „teilweise“ auf die Familie verlassen zu können. „Offenbar besitzen viele Familien eine hohe Kompetenz, sich erfolgreich mit Belastungen auseinanderzusetzen“, heißt es in der Studie. Jeweils etwa ein Viertel der Jugendlichen hat während der Pandemie Probleme wie eine schwierige finanzielle Situation oder weniger Arbeit der Eltern erlebt. 80,6 Prozent der Jugendlichen wurden von beiden leiblichen Eltern noch nie geschlagen (2017: 67,5 Prozent). 

Von den Jugendlichen, die angeben „oft“ von mindestens einem Elternteil geschlagen zu werden (3,7 Prozent), berichten 35,7 Prozent von einer Zunahme der Gewalt während der Pandemie, 44,6 Prozent hingegen erfuhren weniger Gewalt. „Eine Zunahme der Gewalt gibt es, das wollen wir nicht ignorieren“, so Ministerin Ernst. Initiativen wie die im August gestartete Social-Media-Kampagne „Wir hören dir zu!“, bei der wie berichtet Vertreter der örtlichen Jugendhilfe per Videoclip auf Hilfsangebote hinweisen, seien deshalb wichtig.

CORONA–REGELN 

Eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen stimmt zu, dass das Tragen einer Maske bei der Eindämmung der Pandemie hilft und das Ansteckungsrisiko durch das Treffen vieler Personen erhöht wird. Insgesamt jeweils 40 Prozent der Befragten lehnen die Ausgangsbeschränkungen, die Kontaktverbote und die Geschäftsschließungen ab. Ein Fünftel der Schüler fühlt sich vom Abstandsgebot und von den Quarantäneregelungen allerdings „sehr stark“ oder „stark“ belastet. 

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Als besonders belastend wird, vor allem von Mädchen, das Kontaktverbot, empfunden. „Überspitzt könnte man sagen, dass die Jugendlichen gern bereit sind, Abstand zu ihren Freundinnen und Freunden zu wahren und Masken zu tragen, sofern dadurch Treffen mit einem ausgewählten Personenkreis gestattet werden“, konstatieren die Forscher. „Auch ein hohes Verständnis für die Einschränkungen des sozialen Lebens schützt die Betroffenen kaum vor emotionalen Belastungen“, heißt es in der Studie. 

DISTANZUNTERRICHT 

Das zeigt sich auch in der Bewertung des Distanzunterrichts. Drei Viertel der Befragten fehlten ihre Mitschüler und gut 41 Prozent der Jugendlichen gaben an, dass sie sich durch das Lernen zu Hause einsam fühlen. Insgesamt erklärte mehr als die Hälfte der Jugendlichen, dass ihnen der Distanzunterricht gefallen hat, doch stimmten auch rund 60 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass ihnen dadurch Lernstoff fehlt. Ältere Jugendliche und insbesondere Auszubildende an beruflichen Schulen (OSZ) bewerten den Distanzunterricht kritischer als andere Jugendliche. 

Die Wirksamkeit des Distanzunterrichts wird – gerade von Jugendlichen, die zuhause nicht ungestört lernen konnten – als verbesserungsbedürftig eingeschätzt. Was die Digitalisierung der Bildung angehe, „haben wir einen Warnschuss bekommen“, so Sturzbecher. Einiges laufe noch nicht rund. „Ein Klassenzimmer ist nicht ohne Weiteres und ohne Probleme zu ersetzen“, so der Jugendforscher, zum Beispiel bräuchten Lehrer mehr Qualifizierungsangebote.

CORONA-POLITIK 

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen stimmt der Aussage zu, dass die Politik die Corona-Berichterstattung kontrolliert. Fast jeder fünfte Jugendliche meint, dass das Virus nicht existiert. Über 40 Prozent halten das Virus für eine normale Grippe, mehr als ein Drittel vermutet eine Absicht hinter der Virusentstehung. Insgesamt sechs Prozent der Jugendlichen sind der Studie zufolge feste Anhänger von Verschwörungsmythen. 

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Zu den Problemen, die die Studie aufzeige, gehöre die Verbindung von Verschwörungsgläubigkeit und Gewaltbereitschaft, sagte Sturzbecher: „Die Pandemie ist ein Radikalisierungsbeschleuniger.“ Anhänger von Verschwörungsmythen seien in der Vergangenheit gewalttätiger gewesen und hätten ein geringeres politisches Interesse als andere Jugendliche, hielten sich jedoch für ausgezeichnet informiert und politisch kompetent. Jugendliche schenken in der Krise „klassischen“ Medienangeboten mehr Vertrauen als vielen sozialen Medien. Dies halte sie jedoch nicht davon ab, sich über soziale Medien zum Thema zu informieren. 

REAKTIONEN 

Die Studie habe gezeigt, wie wichtig es ist, sehr genau hinzuhören, wie die Jugendlichen die Zeit der Pandemie selbst erleben, sagte die jugendpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Kristy Augustin. "Ohne diese fortlaufende Analyse wird es der Politik kaum möglich sein, passende Unterstützungsangebote zur Abmilderung der Corona-bedingten Folgen zu entwickeln." Vor allem die Zunahme von häuslicher Gewalt in einer kleinen Gruppe von Jugendlichen bereite ihr Sorge. "In Zusammenarbeit mit den örtlichen Jugendämtern müssen wir dem noch stärker entgegentreten und Lösungen finden“, so Augustin. 

Kristy Augustin.
Kristy Augustin.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Die Fraktionsvorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Petra Budke, sprach sich dafür aus, nach der stufenweisen Öffnung der Grundschulen ab nächster Woche dafür zu sorgen, dass auch ältere Schüler baldmöglichst wieder in den Präsenzunterricht zurückkehren können und Jugendeinrichtungen wieder öffnen. Darüber hinaus sei eine Stärkung der demokratischen Teilhabe, politischen Bildung und Medienkompetenz Jugendlicher wichtig. "Denn wer gut informiert ist und mitreden darf, ist weniger empfänglich für Verschwörungserzählungen“, so Budke. 

Da die Befragung zwischen dem ersten und dem zweiten Lockdown stattfand, wäre eine Folgestudie interessant, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Kathrin Dannenberg. 
 

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