Serie zur Landtagswahl 2019 : „Viele finden keine Nachfolger“

Was die Brandenburger bewegt und was die Parteien zu bieten haben: In der neuen Serie "Brandenburger Stimmen" beleuchten die PNN in den kommenden Wochen die Themen zur Landtagswahl am 1. September. Diesmal: Hausarzt Johannes Becker aus Ruhland über Vorurteile und drängende Fragen.

Florian Schumann
Johannes Becker, 61, führt seit 1991 eine Hausarztpraxis in Ruhland unweit der Grenze zu Sachsen. Nach dem Studium in Jena kam er 1986 nach Brandenburg, wo er erst im staatlichen Gesundheitswesen der DDR arbeitete, unter anderem in der Betriebspoliklinik des Chemiekombinats in Schwarzheide. Nach der Wende ließ er sich als praktischer Arzt nieder. Foto: KVBB/promo
Johannes Becker, 61, führt seit 1991 eine Hausarztpraxis in Ruhland unweit der Grenze zu Sachsen. Nach dem Studium in Jena kam er...Foto: KVBB/promo

Herr Becker, nirgendwo in Deutschland ist die Ärztedichte geringer als in Brandenburg. Wie ist die Situation in Ruhland?
 

Ruhland ist eine ländlich geprägte Kleinstadt mit etwa 3500 Einwohnern. In der Stadt selbst gibt es außer mir nur noch einen weiteren Hausarzt. Auf einem Dorf, das auch zur Amtsgemeinde gehört, praktiziert noch eine Hausärztin. Sie wird von ihrer über 70-jährigen Mutter unterstützt.

Hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verschlechtert?

Vor etwa fünf Jahren ist in Ruhland ein Kollege gestorben, der mit 75 noch praktiziert hat. Nach seinem Tod gab es keinen Nachfolger. Es war schwierig, seine Patienten aufzuteilen, aber irgendwie sind alle untergekommen. Und auch in Schwarzheide, auf der anderen Seite der Bundesstraße, wurde eine Hausarztstelle in einem Medizinischen Versorgungszentrum einfach nicht nachbesetzt. In der ersten Zeit kam stundenweise ein Ersatz aus dem Cottbusser Raum, aber inzwischen nicht mehr. Es gibt dort noch Hausärzte, aber nicht genug.

Welche Folgen hat das?

Wir in Ruhland müssen die Patienten aus Schwarzheide teilweise mitversorgen. Aber das schaffen wir nicht. Wir liegen mit unseren Kapazitäten jenseits von Gut und Böse. Die durchschnittliche Zahl von abrechnungsfähigen Behandlungen pro Quartal – genannt „Scheine“ – für einen Hausarzt in Brandenburg liegt bei knapp unter 1000. Ich kenne Ärzte im Nachbarkreis, die mehr als 2000 Scheine machen, und auch ich behandle weit mehr Menschen als der Durchschnitt. Ich sage immer: Ich habe eine 30-Stunden-Woche – und weil mir das so gut gefällt, gönne ich mir jede Woche zwei davon. Bei uns ist der Ärztemangel jedenfalls deutlich spürbar. Mit der Folge, dass es hier durchaus Patienten gibt, die keinen Hausarzt haben, einfach weil wir keine neuen Patienten aufnehmen können.

Wie viele Menschen betrifft das?

Von den chronisch Kranken, also zum Beispiel Patienten mit Diabetes oder Herzschwäche, betrifft das meines Wissens niemanden. Die bekommen wir alle irgendwie versorgt. Aber wenn ein Berufstätiger mit einer Erkältung kommt, dann kann es schon mal vorkommen, dass man sagt: Ich behandle Sie akut, aber danach wünsche ich Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg alles Gute. Dann kann er es in Senftenberg versuchen, das ist die Kreisstadt. Dort sieht es noch etwas besser aus. Aber auch dort warten sie nicht auf Patienten aus Schwarzheide oder Ruhland.

Jüngere Patienten sind oft noch mobil, ältere häufig nicht. Wie kommen die Patienten in Ihre Praxis?

Wo ein Wille ist, ist meist auch ein Weg. Viele kümmern sich selbst und fragen zum Beispiel den Nachbarn, ob er ein Rezept holen kann. Das ist hier gewachsene Landbevölkerung, man kennt sich. Auf den Dörfern gibt es manchmal auch Fahrgemeinschaften, da kommen dann zwei oder drei Patienten in einem Auto nach Ruhland. Auf dem Markt können sie zwei Stunden kostenlos parken, der ist 150 Meter entfernt. Ansonsten gibt es noch den Rufbus. Und besonders kranke oder pflegebedürftige Menschen besuche ich natürlich auch persönlich. Ich mache pro Quartal knapp 100 Hausbesuche und etwa 80 Heimbesuche. Das mache ich in der Zeit zwischen zwölf und 15 Uhr, bis die Nachmittagssprechstunde wieder anfängt. Der Weiteste liegt 25 Kilometer entfernt, zwei Autobahnausfahrten. Das ist ein Vorteil von Ruhland: Wir liegen an der A13.

Nach Berlin sind es fast 150 Kilometer, nach Dresden nur knapp 50 …

Da profitieren wir von der Nähe zu Sachsen. In einer Dreiviertelstunde ist man in Dresden, wo die medizinische Qualität ja mit Berlin vergleichbar ist. Wenn jemand zum Beispiel Magenkrebs hat, möchte ich ihn in eine Einrichtung einweisen, wo diese Operation täglich durchgeführt wird, und nicht nur zweimal im Jahr. Die meisten Patienten haben nichts dagegen, etwas zu fahren, wenn sie dafür eine bessere Behandlung bekommen. Und für die Basisversorgung betreibt der Landkreis Oberspreewald-Lausitz das Klinikum Niederlausitz mit zwei Standorten, in Senftenberg und in Lauchhammer. Was die stationäre Versorgung betrifft, ist die Situation hier also ganz gut.

Anders als bei den Hausärzten. Ein Drittel in Brandenburg ist über 60. Sie selbst sind jetzt 61. Wissen Sie schon, wann Sie aufhören werden?

Ja, aber das wissen nur ich und meine Frau. Man muss auf ein Enddatum hinarbeiten – schon allein aus praktischen Gründen. Etwa, damit Ärzte, die sich wegen einer Niederlassung bei der Bank informieren wollen, schon erfahren können, wann etwas frei wird. Außerdem muss man auch der Kassenärztlichen Vereinigung rechtzeitig Bescheid geben. Aber meine Patienten kennen den Termin noch nicht.

Werden Sie oft gefragt, wie lange Sie noch arbeiten?

Na klar, viele wollen das wissen. Und dann gibt es manchmal Gerüchte. Zum Beispiel, wenn ich jemandem eine Tetanus-Impfung gebe und sage: „Die nächste kriegen Sie nicht mehr von mir.“ Gegen Tetanus wird alle zehn Jahre geimpft. Dann wäre ich über 70, da möchte ich nicht mehr arbeiten. Wenn meine Patienten dann nachfragen, wie es mit der Praxis weitergeht, sage ich: Ich kümmere mich rechtzeitig. Im Gegensatz zu manch anderen Kollegen habe ich einen Plan. Ich bemühe mich aktiv um einen Nachfolger. Man kann nicht erwarten, dass jemand vorbeikommt.

Ist ein Nachfolger aus Ihrer Familie in Sicht?

Meine Kinder haben anständige Berufe gelernt, meine Tochter ist Lehrerin in Stuttgart und mein Sohn arbeitet bei einem High-Tech-Unternehmen in Dresden. Wenn ich in Rente gehe, stirbt bei uns eine Arzt-Linie aus, die seit meinen Großeltern bestanden hat. Aber diesen Umstand habe ich akzeptiert. Man muss den Beruf lieben, sonst geht das nicht. Und bei den Kindern ist das eben nicht so.

Haben Sie denn schon jemanden im Auge?

Gegenüber meinen Patienten wäre es ja grob fahrlässig, wenn ich einfach in die Zeit hineinleben würde, ohne mich zu kümmern. Aber ich will noch nichts verraten. Die Idee, die ich habe, fühlt sich jedenfalls gut und richtig an.

Das klingt bei Ihnen so problemlos. Was machen denn die Hausärzte falsch, die bis über 70 arbeiten müssen?

Man muss flexibel sein. Der Nachwuchs hat oft ein eigenes Zeitfenster. Wenn jemand Interesse zeigt und sagt, es passt ihm im Mai nächsten Jahres, kann man nicht sagen, mir passt es erst im Oktober. An solchen Sachen scheitert es zum Teil. Außerdem gibt es auch Ärzte, die einfach nicht loslassen können, selbst wenn sie schon einen Nachfolger haben. Sie kommen dann noch zweimal pro Woche, um ihre alten Patienten zu behandeln, die sie schon seit 30 Jahren betreuen. Das aber wollen die jungen Nachfolger meist nicht, die wollen ihr eigener Chef sein, nicht Juniorchef. Aber natürlich gibt es vielfach auch Probleme damit, überhaupt Leute für den Job des Landarztes zu begeistern.

Dafür hat das Land Brandenburg ja seit Juli ein Stipendium aufgelegt. Medizinstudierende können monatlich 1000 Euro erhalten, wenn sie sich verpflichten, nach der Facharztweiterbildung fünf Jahre im ländlichen Raum zu arbeiten. Kann man Menschen mit Geld dazu bringen, aufs Land zu gehen?

Sie erreichen damit natürlich nicht, dass jemand, der schon immer Hirnchirurg werden wollte, als Landarzt nach Ruhland geht. Aber man erreicht damit Menschen, die sowieso darüber nachdenken, aufs Land zu gehen. Und mit dem Geld sorgt man dafür, dass sie das eben nicht in Niedersachsen oder in Bayern tun, sondern in Brandenburg. Ich bin zuversichtlich, dass das Programm etwas bringt.

Was müsste die Politik noch tun, um junge Leute aufs Land zu kriegen?

Vor allem sollte man versuchen, die Ärzte von Tätigkeiten zu entlasten, die nicht direkt etwas mit der Medizin zu tun haben. Wir sind doch als Hausärzte zu 50 Prozent mit Dingen beschäftigt, die wir nicht studiert haben, die aber nötig und gefordert sind, zum Beispiel Anträge schreiben: ans Versorgungsamt, Krankenkassen, für Kuren. An jedem Patienten hängt ein riesiger administrativer Aufwand. Das schreckt viele ab. Außerdem sehe ich die Kommunen und Landkreise in der Pflicht. Um Landärzte anzulocken, können sie zum Beispiel Kinderbetreuungsplätze anbieten oder Praxen einrichten, die interessierte Ärzte dann ohne viel Risiko übernehmen können.

Ist vielen jungen Ärzten das Landarzt-Dasein nicht einfach zu langweilig?

Viele haben Vorurteile gegenüber der Landmedizin, obwohl sie sie selbst nie erlebt haben. Denen kann ich nur raten, vorbeizukommen und sich das einfach mal anzuschauen. Sicher, eine Spur Idealismus braucht man als Landarzt. Aber man kann immer noch gut davon leben, es ist ein toller Beruf. Und was die Versorgung betrifft: Natürlich gibt es all die Probleme, die wir besprochen haben. Aber ich finde, dass manchmal vielleicht auch alles ein bisschen schlecht geredet wird. So schlimm ist es oftmals gar nicht.


Das Gespräch führte Florian Schumann