• Serie zur Landtagswahl 2019: Verkehr: Ein Zugbegleiter über volle Züge und die Meckerei der Fahrgäste

Serie zur Landtagswahl 2019: Verkehr : Ein Zugbegleiter über volle Züge und die Meckerei der Fahrgäste

Als Zugbegleiter ist Heiko Schmidt-Dworschak gewissermaßen Pendler von Beruf. Mit überfüllten Zügen hat er reichlich Erfahrung. Und manchmal muss er Fahrgäste stehen lassen - oft am Potsdamer Hauptbahnhof.

Stefan Jacobs.
Schwarm der Pendler. Heiko Schmidt-Dworschak, 46, ist Zugbegleiter und angehender Lokführer bei der DB Regio. Nach mehreren Nominierungen wurde er von der Allianz pro Schiene 2017 als „Eisenbahner mit Herz“ ausgezeichnet, und auf Facebook haben ihm Fans eine Seite gewidmet, auf der Kommentare stehen wie „Wenn der im Zug ist, bekommt man gleich bessere Laune“.
Schwarm der Pendler. Heiko Schmidt-Dworschak, 46, ist Zugbegleiter und angehender Lokführer bei der DB Regio. Nach mehreren...Foto: Andreas Klaer

Herr Schmidt-Dworschak, nach 27 Jahren als Zugbegleiter lassen Sie sich gerade zum Lokführer ausbilden. Flüchten Sie vor den Fahrgästen in die Ruhe des Führerstandes?
Auf keinen Fall. Ich mache das wirklich nur, weil ich eine neue Herausforderung will. Auf meine Stammkunden lasse ich nichts kommen: Die Berufspendler sind an sich ein gemütliches Völkchen. Aber insgesamt ist es schon hektischer geworden, und die Leute sind schneller unzufrieden. Sie haben mehr Termindruck, sind dünnhäutiger, schneller erregbar.

Wer sind Ihre Stammkunden?
Das sind die, die ich morgens zur Arbeit bringe und abends wieder nach Hause fahre, sofern ich gerade Schicht von 7 bis 19 Uhr habe. Morgens haben sie noch die Nacht in den Augen, nachmittags schauen sie auf die Uhr, wenn der Zug unterwegs mal bremst. Weil sie ihren Bus kriegen müssen, die Kinder abholen.

Sie sind vor allem um Berlin und Potsdam unterwegs. Der RE1 gilt als Erfolgsgeschichte, aber zunehmend auch als Inbegriff des überlasteten Regionalverkehrs.
Zur Stoßzeit sind inzwischen alle Züge voll, auch die Regionalbahnen. In Potsdam hat die Zahl der Studenten extrem zugenommen, aber es sind auch viel mehr Leute geworden, die wegen der Zeitersparnis lieber die Bahn nehmen. Hinzu kommen immer mehr, die aus ökologischen Gründen ihr Auto stehen lassen. Zur Hauptverkehrszeit fahren ja inzwischen drei Züge zwischen Potsdam und Berlin – die sind immer voll: Morgens ab sechs hat man die Handwerker und Bauleute, ab sieben kommen die Schüler, um neun die Verkäufer, dann die Büroleute. Hinzu kommen die vielen Veranstaltungen, der stark gewachsene Tourismus. In den Ferien ist es entspannter.

Was machen Sie, wenn schon alles voll ist und draußen weitere 100 Leute mit 20 Fahrrädern warten?
Ich kann die Leute im Mehrzweckabteil bitten, Platz zu machen für die Fahrräder. Aber wenn es zu voll wird, muss ich die Radfahrer bitten, draußen zu bleiben, denn Sicherheit geht nun mal vor.

Passiert es oft, dass Reisende nicht mehr mitkommen?
Es kommt vor, aber nicht allzu oft. Am ehesten passiert das in Potsdam-Hauptbahnhof. Selbst wenn ich den Leuten dann sage, in zehn Minuten kommt der nächste Zug und nebenan steht die S-Bahn bereit, hilft das oft nichts, weil viele ihre Zeit so knapp verplant haben. Vielleicht hat das Internet dieses Bedürfnis verstärkt, dass man bloß nichts verpassen darf. Für uns als Bahn ist der Effekt, dass wir auch schon mal Verspätung machen, weil Leute in der Tür stehen und wir nicht abfahren können. Nach meinem Eindruck hat der Egoismus insgesamt zugenommen.

Wie oft drohen Fahrgäste, beim nächsten Mal statt der Bahn das Auto zu nehmen?
Nach der Wende hieß es oft: „Sie hören von meinem Anwalt!“ Um die Jahrtausendwende wurde das abgelöst von: „Ich sorge dafür, dass Sie Ihren Job verlieren!“ Die Drohung, aufs Auto umzusteigen, habe ich lange nicht mehr gehört. Gucken Sie sich doch an, was auf den Straßen los ist. Und wer von meinen Stammkunden mal laut geworden ist, hat sich meist am nächsten Tag bei mir entschuldigt. Ich habe auch oft erlebt, dass Stammgäste für mich aufstehen und sagen: „Lassen Sie diesen Mann in Ruhe, das ist ein Guter!“ Dass ich weder besonders klein noch ängstlich bin, ist sicher auch ein Vorteil. Wenn Stammkunden mal Frust ablassen, sehe ich das sportlich. Wenn mir die Suppe nicht schmeckt, unterrichte ich darüber ja auch den Kellner, nicht den Koch.

Fahren Sie auch Auto?
Nur wenn es unbedingt sein muss. Gerade rund um Potsdam ist es ja im Berufsverkehr die Hölle. Und von meinen vielen 1000 Bahnfahrten waren mindestens 80 Prozent pünktlich. Ansonsten hilft es gerade in Berlin, ein loses Mundwerk und zugleich Verständnis für die Leute zu haben.

Dass so gern über die Bahn gemeckert wird – liegt das eigentlich an den Meckerern, an der Bahn oder an der Verkehrspolitik?
Die Bahn ist wie die Nationalmannschaft: Jeder, ob Bauarbeiter oder Sachbearbeiter, könnte den Laden selbstverständlich besser leiten als der jeweils aktuelle Chef. Außerdem wissen die Wenigsten, dass wir nur das fahren können, was die Länder über den Verkehrsverbund bestellt und bezahlt haben. Wenn jemand von mir doppelt so viele Züge fordert, verweise ich ihn auf den Bürgermeister – und bekomme empört zurück, was der denn damit zu tun habe. Als der RE1 vor 25 Jahren gestartet ist, hätte ich diese Auslastung wie jetzt selbst kaum für möglich gehalten. Die immer höheren Mieten in Berlin verstärken den Effekt, weil mehr Leute ins Umland ziehen. Aber mit dem Netz Elbe-Spree hat der Verkehrsverbund VBB ja inzwischen einen dichteren Takt für den Umlandverkehr bestellt.

Können Sie genervte Reisende mit solchen Erklärungen überzeugen?
Manche schon, aber ich habe den Eindruck, dass das Interesse daran, wie die Dinge funktionieren, abgenommen hat.

Zu welchen Zeiten fahren Sie besonders gern oder ungern?
Fast immer gern. Nur die Dunkelheit im Winter stört mich, und manche Veranstaltungen erspare ich mir gern. Mit einem Zug voller Fußballfans habe ich kein Problem, das Baumblütenfest mag ich weniger. Betrunkene Väter im Beisein ihrer Kinder sind unerfreulich. Gerade für mich, der selbst in Werder (Havel) wohnt...

…wo ja auch wahnsinnig viel gebaut wurde. Wie hat sich der Ort durch den Zuzug verändert?
Für mich ist Werder (Havel) immer noch die schönste Stadt der Welt. Es ist auf eine gute Art vielfältiger geworden durch die neuen Bewohner, und mit den neuen Einfamilienhäusern ist viel Geld gekommen. Manche Dinge wie Kitas und Behörden kommen teilweise ans Limit. Aber das kann auch am Fachkräftemangel liegen: Erzieher fehlen genauso wie Handwerker, Lokführer oder Busfahrer.

Wenn es um die berlinfernen Regionen geht, fordern viele bessere Anbindungen – während andere sagen, man soll das Geld lieber hier investieren, wo die Massen unterwegs sind. Was meinen Sie?
Wenn in den Randgebieten investiert wird, profitiert doch auch Berlin: Wer dank guter Bahnanbindung in die Uckermark zieht, entlastet hier den Wohnungsmarkt. Aber dazu muss die Anbindung eben so sein, dass man auch spätabends nach Hause kommt. Man muss sicher nicht jedes Dorf an die Bahn anbinden. Aber ein gut geplantes Netz mit Zügen im Stundentakt nützt den Leuten weit draußen wie auch denen in Berlin und dem Speckgürtel. Das Geld muss man eben ausgeben – so wie man chronisch verstopfte Autobahnen ausbaut, muss man auch Bahnstrecken so ausbauen, dass nicht dauernd Verspätungen wegen fehlender Gleise und überfüllter Züge entstehen. Ich wage mal die These, dass sich das viel besser rechnet als man auf den ersten Blick denkt: Wenn Menschen entspannter zur Arbeit und nach Hause kommen, profitieren auch ihre Kinder. Und die Leute schaffen mehr und sind seltener krank. Es kann nicht gesund sein, jeden Tag im Stau ins Lenkrad zu beißen...

…oder auf verspätete Züge zu warten.
Und dann guckt der Lokführer auch noch so hochmütig aus seiner Lok, stimmt's? Der guckt aber von oben herab, weil die Lok so groß ist. Und er beobachtet Sie nicht aus Schadenfreude, sondern weil er möglichst schnell weiter will. Es ist nämlich nicht nur Ihr Feierabend, der bei Verspätung flöten geht, sondern auch seiner. Leider sieht man als Fahrgast bei der Bahn den Grund für Verspätungen ja nicht immer. Mir ist das mal aufgefallen, als ich frühmorgens mit dem Bus zum Bahnhof gefahren bin: Der Bus war reichlich fünf Minuten zu spät, aber die Leute an der Haltestelle waren total entspannt und grüßten den Fahrer freundlich. Bei dem sehen sie ja, wie er im Verkehr aufgehalten wird. Und dann kommen sie zum Bahnhof, wo der Zug mit fünf Minuten Verspätung angezeigt wird, und seufzen: Typisch Bahn!


Die Serie

In unserer Serie zur Brandenburg-Wahl geben wir Menschen eine Stimme, die sonst weniger gehört werden. Ganz normale Bürgerinnen und Bürger aus verschiedenen Bereichen erzählen, was sie im alltäglichen Leben bewegt und was sie von der Politik erwarten.

Bisher erschienen: Bildung, Gesundheit, Integration, Wohnen, Infrastruktur.

Alle Folgen, viele weitere Informationen und aktuelle Umfragen finden Sie auch auf unserer Internetseite unter: www.pnn.de/landtagswahl.