Brandenburg : Sechsspurig durch den Grunewald

Planer wollen Avus ohne Eingriff in den Baumbestand erweitern

K. Kurpjuweit (mit mat)

Berlin - Muss der Wald dran glauben? Erhalten Anwohner in Nikolassee den lang erwarteten Lärmschutz? Nur zwei der Fragen, die mit dem vom Bund auf dem Weg gebrachten Ausbau der Avus auf sechs Fahrstreifen auch zwischen dem Kreuz Zehlendorf und dem Hüttenweg verbunden sind. Antworten gibt es noch nicht; das Projekt hat es erst in die Anmeldeliste für den Bundesverkehrswegeplan 2015 geschafft. Und dort stand es auch bereits 2003 – und getan hat sich seither nichts.

Die Planer der Senatsverkehrsverwaltung, die sich am Donnerstag auf Anfrage nicht äußerten, wollen bei einem Ausbau ohne Flächenerweiterung auskommen. Dies hatte Staatssekretär Christian Gaebler in seiner Antwort auf eine schriftliche Anfrage des Grünen-Abgeordneten Harald Moritz jetzt mitgeteilt. Eine Flächenerweiterung sei gar nicht untersucht worden. Die Kosten habe ein Ingenieurbüro ermittelt; Angaben zur Höhe machte Gaebler nicht. Den Ausbau finanziere der Bund. „Weitere Projektwirkungen und konkrete umweltfachliche Gegebenheiten“ würden in den folgenden Planungen berücksichtigt, ergänzte Gaebler.

Wenn die Flächen nicht verändert werden, ist die Chance auf einen Lärmschutz für die Anwohner aber gering. Wird im Bestand gebaut, ist er nicht zwingend vorgeschrieben. Laut ist es in Nikolassee nach Angaben von ADAC-Verkehrsexperte Jörg Becker aber auch, weil die Avus dort auf Stützen im morastigen Boden steht. Probleme mit den Fugen machten das Befahren hier laut. Diese unsichtbare „Brücke“ müsse nach seinen Informationen auch erneuert werden – was in einen sechsspurigen Ausbau integriert werden könnte, sagte Becker.

Für den öffentlichen Verkehr freigegeben wurde die Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße (Avus) bereits 1921. Sie ist die erste ausschließliche Autostraße Europas. Noch bis April 1998 wurde die Avus an einigen Wochenenden als Rennstrecke genutzt. Zuletzt wurde die Strecke zwischen 2011 und 2012 grundhaft erneuert. Die Arbeiten zwischen dem Dreieck Funkturm und der Anschlussstelle Spanische Allee wurden komplett vom Bund beszahlt. Die Kosten beliefen sich auf 28 Millionen Euro.

Gebaut werden soll nun aber auch direkt nebenan – am Funkturm. Dort will die Verkehrsverwaltung das Dreieck schon seit Langem umbauen. Das Aufeinandertreffen von Dreieck, einer Anschlussstelle und eines Autorasthofes mit zum Teil kurzen Abständen zwischen Ein- und Ausfahrten soll entzerrt werden. Becker fordert, dass die Anlage so umgebaut wird, dass der Verkehr von der Avus zur Stadtautobahn A 100 in alle Richtungen zweispurig eingefädelt werden kann. Nur dann sei auch der sechsstreifige Ausbau der Avus sinnvoll, der dann im Süden auch bis zur Landesgrenze reichen müsste.

Die Umbaukosten am Dreieck sind bisher mit rund 50,5 Millionen Euro veranschlagt. Die Aufnahme des Projekts in den Bundesverkehrswegeplan, wie es Berlin beantragt hatte, lehnte das Verkehrsministerium aber ab. Berlin habe die durch den Umbau erhoffte Kapazitätssteigerung nicht ausreichend belegen können, argumentierte der Bund nach Gaeblers Angaben. Erledigt sind die Pläne damit aber nicht. Den grundsätzlichen Handlungsbedarf habe das Ministerium anerkannt, sagte Sprecherin Julia Vinnai. Finanziert werden sollten die Arbeiten – auch wegen des hohen Erhaltungsanteils – aus Instandhaltungsmitteln. Hier wurde Berlin in den vergangenen Jahren meist großzügig bedacht.

Der Bund hat auch einen weiteren Autobahn-Bau zumindest ein Stück vorangebracht: die Verlängerung der Stadtautobahn A 100 vom Treptower Park zur Frankfurter Allee. Derzeit wird – nach langen Querelen – der Abschnitt vom Dreieck Neukölln bis zum Treptower Park gebaut. Der Senat hat die Fortsetzung bis zur Frankfurter Allee aber bereits auf die Anmeldeliste für den Verkehrswegeplan gesetzt und als Kosten rund 530 Millionen Euro angegeben.

Obwohl es noch nicht einmal eine Baugenehmigung gibt, stuft der Bund auch diesen 17. Abschnitt der A 100 bereits als „in Bau“ befindlich ein, weil beim Umbau des Bahnhofs Ostkreuz schon ein Vorratsbau für einen späteren Tunnel der Autobahn unter den Gleisen mitgebaut wird. Und Projekte, die „im Bau“ sind, werden vorrangig gefördert. Moritz bezeichnete diese Einstufung des geplanten Weiterbaus als Taschenspielertrick. Auch im Verfahren für den Umbau des Ostkreuzes sei festgestellt worden, dass der Vorratsbau zu keiner Vorfestlegung für die Autobahn führe. K. Kurpjuweit (mit mat)

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