Schulen in Brandenburg : Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ verboten

Nach der umstrittenen Lernmethode "Lesen durch Schreiben" wird falsche Rechtschreibung bei Schülern zunächst nicht korrigiert. Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) verbietet die Methode nun. 

Foto: Roland Hottas/Mauritius

Potsdam - Ein ganz persönlicher Brief war es, eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Doch dann wurde das Schriftstück 2013 sogar im Fernsehen gezeigt und zu einem Politikum. „Liba Fata – ales gute zum Fatatak. Ich hab dich lib“, hatte die Tochter des CDU-Landtagsabgeordneten Henryk Wichmann geschrieben. Fata Wichmann freute sich zwar über die liebe Geste des Mädchens, war aber entsetzt über die katastrophale Rechtschreibung der Viertklässlerin. Ihre Grundschule in der Uckermark unterrichtete nach der umstrittenen Lernmethode „Lesen durch Schreiben“, bei der zunächst nicht auf Rechtschreibung geachtet wird. Die Kinder sollen die Wörter aufschreiben, wie sie sie hören. Damit, so die Befürworter, werde die Kreativität der Grundschüler gefördert, sie überhaupt erst ermuntert, zu schreiben und zu lesen.

Herr Wichmann von der CDU fühlte sich auch ermuntert: Auf Antrag seiner Fraktion befasste sich der Landtag mit dem Orthographieproblemen seiner Tochter und vieler anderer Kinder im Land. Die Methode des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen gehöre auf den Prüfstand oder – besser noch – komplett aus den Klassenzimmern verbannt. Fünf Jahre später ist der „Liba Fata“ Geschichte, wird Wichmanns Wunsch erhört – ausgerechnet von einer SPD-Politikerin. Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst kündigte am Mittwoch an, dass das Lesenlernen nach Reichen ab dem Schuljahr 2019/20 an märkischen Schulen verboten wird. Bislang konnten sich die Schulen aussuchen, ob sich nach dieser oder der Fibel-Methode unterrichten, bei der die Kinder die Buchstaben analysieren und Lauten zuordnen müssen. 

Ältere Erhebung: Fünf Prozent der Grundschulen unterrichten nach umstrittener Methode

Sie sehe das Verbot lediglich als „Klarstellung“ und „Signal“, sagte Ernst, nachdem so viel über die Gehörmethode diskutiert worden sei. In der Schulpraxis finde sie ohnehin kaum noch Anwendung. Wie viele Schulen in Brandenburg den „Fata“ durchgehen lassen, ist nicht erfasst. Nach einen älteren Erhebung unterrichten fünf Prozent der Grundschulen nach der umstrittenen Methode. Dass diese speziell bei leistungsschwächeren Schülern keine guten Resultate hervorbringe, legten inzwischen mehrere Studien nahe, so Ernst. Diesen Monat erst wurde eine Bonner Studie veröffentlicht, für die Psychologen drei Lernmethoden und die damit erzielten Erfolge von 3000 Grundschulkindern in Nordrhein-Westfalen untersuchten. Das Ergebnis: Grundschüler lernen Rechtschreibung am besten nach der klassischen Fibel-Methode

„Lesen durch Schreiben“ sei hingegen gerade für schwächere Schüler eine Krux. „Für Kinder, die nicht so strukturiert sind, ist es schwierig, so zu lernen“, sagte Ernst. Denn später sollen die Schüler natürlich schon richtig schreiben. Sich das nachträglich anzueignen, nachdem Fehler über Jahre nicht korrigiert wurden, überfordert Experten zufolge viele Kinder. 
Für die massiven Rechtschreibprobleme Brandenburger Schüler muss es aber noch andere Gründe geben. Denn obwohl die umstrittene Schreiblernmethode laut Ministerium kaum zur Anwendung kommt, sind die Ergebnisse der Brandenburger Schüler in diesem Bereich unbefriedigend. Zwar liegen die Leistungen der Schüler in Brandenburg im deutschen Mittelfeld – aber damit, so Ernst, könne sich Brandenburg nicht zufrieden geben. 12,5 Prozent der Grundschüler im Land (und in Deutschland) erreichen in der Lesekompetenz nicht den erforderlichen Mindeststandard. In Orthographie sind es in Brandenburg sogar 23,2, deutschlandweit 22,1 Prozent. Das hatte der 2017 veröffentlichte IQB-Bildungstrend 2016 ergeben.

Schulen in Brandenburg sollen vier Punkte für bessere Rechtschreibung und Sprachkompetenz umsetzen

Deswegen sollen ab dem kommenden Schuljahr neben der Anwendung der Fibel-Methode weitere vier Punkte für bessere Rechtschreibung und Sprachkompetenz umgesetzt werden: Alle Schulen sollen in ihrem Curriculum feste Lernzeiten einplanen, zu denen Sprachfertigkeiten wie Lesen und Rechtschreiben geübt werden. Außerdem soll in allen Fächer das richtige Schreiben überprüft, Fehler bei Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung korrigiert werden. Das gelte für Klassenarbeiten und schriftliche Lernerfolgskontrollen. 

Auf das Fach Deutsch wird noch einmal besonderen Wert gelegt, so Ernst. In den Jahrgangsstufen 1 bis 4 soll ein Grundwortschaft von 700 Worten erarbeitet werden. Alle Schüler sollen am Ende der jeweiligen Doppeljahrgangsstufe die 300 dafür ausgewiesenen Wörter des Grundwortschatzes sowie die 100 häufigsten Wörter beherrschen. 
Bei schriftlichen Arbeiten im Fach Deutsch wird zudem stärker als sonst auf Rechtschreibung geachtet: Derzeit werden in der dritten Klasse eine und in den Jahrgangsstufen 4 bis 6 jeweils zwei Arbeiten geschrieben, in denen schwerpunktmäßig die Orthographieleistung bewertet wird. Künftig sind zusätzlich von Klasse 2 bis 6 alle schriftlichen Arbeiten und Lernerfolgskontrollen im Deutsch so zu gestalten, dass jeweils ein Teilbereich den Schwerpunkt Rechtschreibung hat. In den Jahrgangsstufen 7 bis 9 wird mindestens einmal im Schuljahr eine Klassenarbeit und in der Jahrgangsstufe 10 eine schriftliche Lernerfolgskontrolle mit einem Schwerpunkt „Rechtschreibkompetenz“ geschrieben. 

Kinder müssen sich die versäumten Regeln nachträglich aneignen

„Richtig Lesen und Schreiben sind Kernkompetenzen“, so Ernst. Wenn man die schulische Qualität in Brandenburg verbessern wolle, müsse man da ansetzen. Oder, wie Tochter Wichmann geschrieben hätte: allet wirt jut. filleicht.

"Ich bin happy, dass der Fehler nun endlich korrigiert wird", sagte Wichmann am Mittwoch den PNN. Damals sei er mit seinem Vorstoß bei der damaligen SPD-Ministerin Martina Münch noch "mit einem müden Lächeln abgeblitzt". Sogar Hausverbot erhielt der Abgeordnete damals an der Schule seiner Tochter. Seine jüngste Tochter habe an derselben Schule später  Lesen nach der Fibel-Methode gelernt, und zwar problemlos. Es sei erstaunlich, dass Brandenburg Jahre gebraucht habe um zu erkennen, dass die andere Methode nichts tauge. Die Kinder bräuchten Jahre, um sich die dadurch versäumten Rechtschreibregeln nachträglich anzueignen.