Schulen in Brandenburg : Kunst ohne Lehrer

Fast jede dritte Kunst-Unterrichtstunde an Brandenburger Schulen findet ohne qualifizierten Lehrer statt. Die Grünen warnen vor Bildungsbenachteiligung.

Yne Jennerjahn Anja Sokolow

Potsdam - Fast jede dritte Unterrichtsstunde in Kunst an Brandenburgs Schulen findet ohne qualifizierten Lehrer statt. Im Schnitt würden 70 Prozent aller Stunden von ausgebildeten Fachlehrern erteilt, gab Bildungsminister Günter Baaske (SPD) in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Bündnisgrünen an. Im vergangenen Schuljahr seien nun 30 Prozent aller Lehrerwochenstunden im Fach Kunst nicht von fachgerecht ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet worden. Wie hoch der Bedarf an Kunstlehrern ist, um die Lücken zu schließen, lasse sich nicht eindeutig sagen.

Jedes Kind habe Anrecht auf hochwertigen Kunstunterricht

Der Fachverband für Kunstpädagogik Brandenburg (BDK) kritisiert den Lehrermangel seit Jahren. „Das Fach Kunst hat leider einen geringeren Stellenwert als die Naturwissenschaften“, sagte die Verbandsvorsitzende Katja Frick. „Besonders betroffen sind Grund- und Förderschulen, wo 40 beziehungsweise 60 Prozent des Unterrichts nicht von Kunstlehrern erteilt wird.“ An den Oberschulen liege der Anteil bei 25 Prozent. An Gymnasien und Gesamtschulen seien hingegen so viele Kunstlehrer beschäftigt, dass sie fast den gesamten Bedarf abdecken können. Als Folge des Lehrermangels fehle häufig die fundierte Auseinandersetzung mit Kunstwerken, sodass den Schülern hier Frick zufolge grundlegende Kompetenzen abgehen. Laut Baaske gibt es für fachfremde Lehrer vom Ministerium keine Festlegungen und Auflagen. Die Bedeutung des Kunstunterrichts für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen werde in Brandenburg offenbar deutlich unterschätzt, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Marie Luise von Halem. „Jedes Kind und jeder Jugendliche hat Anrecht auf einen hochwertigen Kunstunterricht“, sagte sie. Der Umstand, dass es Brandenburg zwar an den Gymnasien und Gesamtschulen gelinge, den Bedarf abzudecken, jedoch nicht an den Oberschulen, werfe Fragen auf. „Hier offenbart sich eine deutliche Bildungsbenachteiligung“, kritisierte von Halem. Kunstunterricht sei ebenso wichtig wie Mathematik und Deutsch, betonte die Bildungspolitikerin. Die Schülerinnen und Schüler lernten im Kunstunterricht verschiedene Kulturen und Geisteshaltungen kennen und könnten durch kreatives Handeln Fähigkeiten entwickeln, sich mit ihren eigenen Ideen intensiv auseinanderzusetzen. Dies seien elementare Bildungskompetenzen.

Keine fundierte Kunstpädagogik-Ausbildung in Brandenburg

Eine der wichtigsten Ursachen für den Kunstlehrermangel ist aus Verbandssicht das Fehlen einer eigenständigen Ausbildung in Brandenburg. Nach mehreren Abbauwellen an der Universität Potsdam werde das Fach nur noch als Ergänzungsangebot für Lehramtsstudenten angeboten. Frick sagte: „Brandenburg ist das einzige Bundesland, in dem es keine fundierte Kunstpädagogik-Ausbildung mehr gibt.“ Das Land versuche, das Problem unter anderem mithilfe von Quereinsteigern zu lösen. „Unter ihnen gibt es Lehrer, die richtig gut sind.“ Doch einige Kollegen seien auch überfordert, weil ihnen die pädagogische Ausbildung fehle. Zwischen dem Ministerium und dem Verband gab es im vergangenen Jahr Gespräche zum Lehrermangel. Sie blieben dem Verband zufolge jedoch bislang ohne Ergebnis.

Das Bildungsministerium habe im vergangenen Jahr Gespräche mit dem brandenburgischen Fachverband für Kunstpädagogik über Qualifizierungsmaßnahmen geführt, heißt es in der Antwort der Landesregierung auf die Anfrage weiter. Kunstlehrer hätten in Brandenburg gute Chancen auf eine Stelle, insbesondere wenn auch für das zweite Fach ein hoher Bedarf bestehe. Dies treffe derzeit auf die Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch, Sport, Musik und die Naturwissenschaften zu. Die Bedarfe seien jedoch regional und an den einzelnen Schulen sehr unterschiedlich. (dpa/epd)