• Schleppender Impfstart in Brandenburg: Wettlauf mit der Zeit

Schleppender Impfstart in Brandenburg : Wettlauf mit der Zeit

Jedes dritte Pflegeheim in Brandenburg hat Corona-Fälle, aber nur 433 Bewohner sind bisher geimpft. Das Impfmanagement unter Gesundheitsministerin Nonnemacher offenbart Defizite.

Thorsten Metzner
Die 81-jährige Wiltrud Gauger ließ sich in der Metropolishalle des Filmparks Babelsberg gegen Corona impfen.
Die 81-jährige Wiltrud Gauger ließ sich in der Metropolishalle des Filmparks Babelsberg gegen Corona impfen.Foto: dpa

Potsdam - Nirgendwo sonst in Deutschland haben bisher so wenige Bewohner von Pflegeheimen die Corona-Schutzimpfung erhalten wie in Brandenburg: Nur 433 Menschen (Stand 7.1.) dieser Risikogruppe wurden nach einer Impfwoche nach Angaben des Robert-Koch-Instituts geimpft. In Mecklenburg-Vorpommern sind es 9712, 8818 in Sachsen-Anhalt, 1933 in Sachsen, in Berlin 15 272. Brandenburg bleibt damit bundesweit Schlusslicht, hinter Thüringen (583). Die Zeit drängt. 

Jedes dritte Pflegeheim Brandenburgs hat bereits Corona-Fälle. Wegen des Impfmanagements und dem anhaltenden Chaos in der Telefon-Hotline zur Vergabe der Impftermine gerät nach Recherchen der PNN nun Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) innerhalb der von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) geführten Kenia-Regierung zunehmend unter Druck. 

Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) bei der Eröffnung des Potsdamer Impfzentrums in dieser Woche.
Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) bei der Eröffnung des Potsdamer Impfzentrums in dieser Woche.Foto: Andreas Klaer

Ein Papier offenbart die Probleme

Denn auch eine dieser Zeitung vorliegende aktuelle „Besprechungsunterlage“ ihres Ministeriums zur Umsetzung der Impfstrategie im Land, die am Donnerstag die Staatssekretäre der Regierung berieten, offenbart die Probleme. Wenn es bei den dortigen Zahlen bliebe, würden 2021 die Impfungen nicht geschafft. Ein Termin, wann die Impfungen abgeschlossen sein sollen, wird nicht genannt.

In Brandenburg müssen rund 1,4 Millionen Menschen zwei Mal geimpft, also rund 2,8 Millionen Dosen verabreicht werden, um die „Herdenimmunität“ der Bevölkerung zu erreichen. Es ist, wie Nonnemacher einmal im Landtag sagte, die wohl größte logistische Operation der jüngeren Landesgeschichte. Trotzdem sieht Brandenburg mit bisher 8182 Geimpften, zwar 2778 mehr als am Vortag, nicht gut aus. Denn 7724 sind beruflich induziert, also Mediziner, Pflegekräfte, Polizisten.

Bis zu zehn Impfteams in den Impfzentren

In Mecklenburg (21.700 Geimpfte) etwa sind die Impfzentren arbeitsfähig, in Brandenburg mit den Standorten Potsdam und Cottbus erst zwei von elf. Nach der Kabinettsvorlage sollen die anderen „bis spätestens Anfang Februar“ so weit sein. Das Problem: Noch ist Impfstoff zwar knapp. Doch ab nächster Woche kann Brandenburg nach regierungsinternen Angaben mit wöchentlich 19.500 Impfdosen des Herstellers Biontech rechnen, Impfstofflieferungen weiterer Hersteller sind mit den Zulassungen in den nächsten Wochen zu erwarten. 

Und die Impfkapazitäten? „Insgesamt ist in einer Endstufe vorgesehen, dass in den Impfzentren bis zu zehn Impfteams werktäglich eingesetzt werden“, heißt es in der Vorlage des Gesundheitsministeriums. „Unterstellt man, dass bei einem eingespielten, optimal arbeitenden Impfzentrum zehn Impfungen pro Stunde je Impfteam durchgeführt werden können, sind wöchentlich bis zu 40 000 Impfungen durch die elf Impfzentren vorstellbar.“ 

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Das wären 160.000 Impfungen pro Monat, 1,6 Millionen Impfungen bis Ende 2021. Nötig wären aber fast doppelt so viele. In der Vorlage ist nur allgemein von einer weiteren Ausbaustufe die Rede, in der noch Impfzentren in der Prignitz, im Havelland, in Spree-Neiße und Oberspreewald-Lausitz eingerichtet werden sollen. Die Impfungen selbst organisieren nach den bisherigen Strukturen die Kassenärztliche Vereinigung (KVBB) und das Deutsche Rote Kreuz. 

Erst jetzt sollen auch die Kreise und Kommunen – in Brandenburg für den Katastrophenschutz zuständig, bei den Kommunen sind die Melderegister – in das Impfmanagement richtig eingebunden werden. Es ist ein Schritt, den etwa Gernot Schmidt, SPD-Landrat von Märkisch-Oderland, als überfällig begrüßt: „Es ist richtig, um die Herausforderung meistern zu können“, sagt Schmidt. 

Hotline weiter überlastet

Zu denen, die zuerst geimpft werden, gehören die über 80-jährigen – rund 200.000. Doch die Hotline zur Terminvergabe, betrieben von der KVBB, blieb auch am vierten Tag total überlastet. Die Verzweiflung Betroffener ist groß, die Überlastung kein Wunder. Das beauftragte Callcenter hat nur 150 Mitarbeiter. Es ist ein Auftrag, der laut Vorlage „zunächst auf sechs Monate begrenzt“ ist. Gesundheitsministerium und KVBB appellieren, dass wirklich nur Impfberechtigte die Hotline anwählen. 

So hält auch Oder–Spree-Landrat Rolf Lindemann (SPD) die Rolle der KVBB für problematisch, vor allem das Hotline-Verfahren. „Ich habe den Eindruck, da sind Techniker am Werk, schnelle Jungs, die keine alten Menschen gesehen haben“, sagt Lindemann. Er halte es für sinnvoll, „dass man die Leute in den ländlichen Räumen persönlich anschreibt.“ Nötig sei jetzt endlich straffes Krisenmanagement, damit es mit den Impfungen klappt, sagt er. „Das Diskutieren muss aufhören, es muss gehandelt werden.“ 

Krankenhäuser wollen beim Impfen helfen

Inzwischen wollen Krankenhäuser beim Impfen der Bevölkerung helfen. „Wir würden unsere Strukturen dafür zur Verfügung stellen und haben das dem Land auch angeboten“, sagt Hans-Ulrich Schmidt, Chef des Potsdamer Klinikums Ernst von Bergmann, auf Anfrage. Möglich sei die Öffnung der hauseigenen Impfstelle, aber auch das Entsenden von mobilen Teams in Pflegeeinrichtungen – „als Ergänzung“ zu den Impfbemühungen des Landes. 

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„Wir haben ein großes Eigeninteresse an einem hohen Impftempo“, sagt Schmidt. Je mehr Geimpfte, so die Hoffnung, desto weniger Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Eine Reaktion des Landes auf das Angebot stehe aber noch aus. Am Freitag will das Woidke–Kabinett die neue Eindämmungsverordnung beschließen, die auch für die Brandenburger ab einer 7-Tage- Inzidenz von 200 den Bewegungsradius auf 15 Kilometer um den Wohnort begrenzen soll. Potsdamer etwa dürften dann noch bis zum Berliner Dreieck Funkturm – aber nicht mehr nach Falkensee. (mit HK)

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