Brandenburg : Rock ’n’ Roll aus Ringenwalde

„Tocotronic“ oder die „Söhne Mannheims“ spielen auf E-Gitarren oder E-Bässen von Frank Deimel

Jeanette Bederke
Firestar Artist Edition. So heißt der E-Gitarren-Typ, den Frank Deimel von der Firma Deimel Guitarworks in seiner Werkstatt zusammenbaut. Kunden aus aller Welt kaufen seine Instrumente.
Firestar Artist Edition. So heißt der E-Gitarren-Typ, den Frank Deimel von der Firma Deimel Guitarworks in seiner Werkstatt...Foto: Patrick Pleul/dpa

Ringenwalde - Wenn Frank Deimel mit einem Kunden fachsimpeln und an der technischen Umsetzung knobeln kann, ist er in seinem Element. Der 50-Jährige verbindet den klassischen Instrumentenbau mit modernem musikalischen Anspruch. In seiner Werkstatt in Ringenwalde (Märkisch-Oderland) baut der Autodidakt E-Gitarren für die unterschiedlichsten Ausdrucksweisen: Rock, Pop, Avantgarde oder Jazz. Nahezu jedes seiner Instrumente ist ein klangliches und gestalterisches Unikat, da meist individuell zusammengestellt und handgefertigt, um den hohen Qualitätsansprüchen vor allem von Profimusikern und E-Gitarren-Liebhabern zu entsprechen.

Vor drei Jahren hat Deimel der Großstadt den Rücken gekehrt, um in der märkischen Provinz neu anzufangen. „Berlin wurde uns zu teuer und zu eng“, beschreibt er. „Für Handwerker und Kreative sind die Mieten in der Hauptstadt nicht mehr bezahlbar“, ergänzt seine Frau Kora Jünger, die bei „Deimel Guitarworks“ für Marketing und Kundenbetreuung zuständig ist und zudem als Künstlerin arbeitet. Für die „Artist-Edition“ der Firma bemalt sie die Gitarren. Die konstante Auftragslage bestätigt beiden, dass ihre Entscheidung richtig war. Die Kunden hielten ihnen auch außerhalb Berlins die Treue, obwohl es allein in Deutschland laut Deimel etwa 80 E-Gitarrenbau-Firmen gibt.

„Reich wird man vom Instrumentenbau ohnehin nicht.“ Wichtiger seien ihm Leidenschaft und Spaß bei der Arbeit, für beides werde er von anderen oft beneidet, erzählt der Autodidakt, der seine erste E-Gitarre mit 14 Jahren aus einer alten Küchenplatte baute und in einer Band den E-Bass spielte. Zunächst studierte er Industriedesign in Berlin, um sich nach dem Vordiplom ganz seiner Leidenschaft zu widmen.

Anfangs hat der gebürtige Westfale viele Gitarren-Reparaturen gemacht, war auf Laufkundschaft angewiesen. Für den Neubau nach Kundenwunsch sei es hingegen egal, wo er seine Werkstatt betreibe, sagt der Instrumentenbauer. „Die Musiker, für die wir arbeiten, leben auf der ganzen Welt. Für eine individuelle Beratung holen wir sie in Strausberg ab. Bis dahin kommen sie von Berlin aus mit der S-Bahn“, erzählt seine Frau. Nördlichster Kunde sei seit kurzem eine Band in Grönland. Den alten Gutshof in Ringenwalde kannten beide durch Freunde, die bereits seit Jahren dort leben. Deimel und Jünger investierten rund 50 000 Euro in den Neuanfang mit Werkstatt, Maschinen und Wohnhaus in einem sanierten Feldsteinbau. Auch der einzige Mitarbeiter von „Deimel Guitarworks“ zog mit seiner Familie aus Berlin mit.

60 bis 120 Arbeitsstunden brauche es für ein maßgefertigtes Instrument, das aus Jahre lang abgelagertem, hochwertigen Holz gebaut wird. Der Korpus besteht aus einer massiven Holzplatte, die ausgefräst und geschliffen wird. Kompliziert wird es beim Gitarrenhals inklusive abgewinkelter Kopfplatte – Saitenspannung, Verstellstäbe, Profil und Griffbrett entstehen nach Kundenvorgaben, ebenso wie die komplizierte Elektronik, deren Herzstück die Tonabnehmer und Verschaltungen sind.

„Das sind alles sehr zeitaufwendige Arbeiten. Drei bis vier Instrumente schaffen wir pro Monat“, erzählt der Firmenchef. So viel Individualität hat ihren Preis, Deimel-Gitarren kosten ab 3000 Euro aufwärts. Ahorn, Erle, Esche sowie Mahagoni, Ebenholz und Palisander sind die Hölzer, die sich für den E-Gitarrenbau eignen, sagt Deimel. In einer Kooperation mit der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNE) in Eberswalde (Barnim) testet er heimische Hölzer auf ihre Eignung, um künftig ohne Importe auszukommen. „Unser heimisches Eschenholz ist beispielsweise zu schwer, deswegen importieren wir es aus Amerika“, sagt Deimel.

Durch ein an der HNE entwickeltes thermisches Behandlungsverfahren werde das Holz leichter, sei lange nutz- und spielbar. Gute Testergebnisse gebe es auch bei Pappel, Linde oder Robinie, bestätigt Alexander Pfriem, der das HNE-Forschungsteam dazu leitet. „Was wir hier entwickeln, ist eine mögliche Methode, um tropische durch heimische Hölzer im Instrumentenbau zu ersetzen“, erklärt er.

Für die Tests arbeite die Hochschule mit einem Netzwerk an Instrumentenbauern zusammen, zu denen auch „Deimel Guitarworks“ gehöre. „Frank Deimel ist da sehr experimentierfreudig, hat einiges probiert und mitgemacht, auch wenn es manchmal am Ende nicht funktioniert hat“, beschreibt Pfriem.

Eine derart offene Einstellung sei in der Branche der Musikinstrumentenbauer nicht selbstverständlich. Die Motivation, Ressourcen zu schonen, setze sich aber immer mehr durch, hat der Wissenschaftler beobachtet. Das Forschungsteam sei immer noch in der Experimentierphase. Dazu habe es an der HNE eine Pilotanlage für die thermische Hölzerbehandlung gebaut. „Mit einem Maschinenhersteller aus Süddeutschland tüfteln wir jetzt an so einer Thermokammer, um sie serienreif zu bekommen“, erklärt Alexander Pfriem. (dpa)