Brandenburg : Richter kontra Polizei

Polizei-Akten im Maskenmann-Prozess beschlagnahmt. Beamtin erneuert Vorwürfe

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) - Irgendwann riss beim Vorsitzenden Richter im sogenannten Maskenmann-Prozess zur Entführung eines Berliner Bankiers in Storkow und die Überfälle auf eine Berliner Unternehmerfamilie in Bad Saarow gestern der Geduldsfaden. Er beschlagnahmte im Landgericht Frankfurt (Oder) kurzerhand die Protokolle über die ersten Ermittlungen der Polizei nach Bekanntwerden der spektakulären Erpressung im Oktober 2012. Der im Zeugenstand sitzenden Kriminalbeamtin Yvonne B. war es zuvor nicht gelungen, von ihren Vorgesetzten in der Mordkommission eine Freigabe der Akten zu erhalten. 40 Minuten hatte sie telefoniert, um dann das Gericht mit einer völlig unbefriedigenden Antwort zu schockieren: „Ich habe leider kein Ergebnis“, sagte sie. Niemand wolle sich dazu äußern.

In den Akten selbst standen nur die üblichen polizeilichen Schritte zur Tätersuche, nachdem sich das mutmaßliche Entführungsopfer nach eigenen Angaben selbst befreit hatte. Doch diese gestern zutage getretene, unzureichende Führung der Polizeiarbeit in Frankfurt (Oder) passt zum ganzen Prozessverlauf. Da sich mindestens die Hälfte aller bisher 48 Verhandlungstage mit der voller Pannen gespickten Polizeiarbeit beschäftigten, ist ein Ende des Verfahrens noch längst nicht abzusehen. Vor dem Frühsommer und damit länger als ein Jahr nach Prozessauftakt spricht das Gericht auf keinen Fall ein Urteil über den angeklagten Mario K.

Der Verteidigung wird dabei die Arbeit für den Nachweis der Unschuld ihres Mandanten ziemlich leicht gemacht. Denn die wichtigsten Argumente für ernste Zweifel am Ablauf der vom mutmaßlichen Opfer geschilderten Entführung lieferten kritisch zu ihren Vorgesetzten eingestellte Polizisten selbst. Sie durften auf „Weisung von oben“ eben nur in eine Richtung, und zwar nur gegen den angeklagten Mario K., ermitteln. „Es gab durchaus andere Verdächtige“, sagte die Polizeibeamtin Yvonne B. am gestrigen Freitag. Darunter hätten sich ein ehemaliger Polizist aus Berlin, Bekannte des Opfers und Mitglieder der Türsteher-Szene befunden. Vor allem sei ein Motiv der beiden Überfälle auf die Berliner Unternehmerfamilie P. auf dem Anwesen in Bad Saarow nicht gefunden worden. Im Unterschied dazu trug der Bankier Stefan T. einen Brief mit der Forderung von einer Million Euro in der Tasche. Den habe er auf Anweisung des Entführers schreiben müssen, sagte er. Zur Geldübergabe sei es aber nicht gekommen, da er nach 35 Stunden Gefangenschaft auf einer Schilfinsel die Handfesseln selbst habe lösen können.

Wegen des Verdachts der Einflussnahme der Polizeiführung auf die Ermittlungen erwägt die Opposition im Landtag die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses. Claus-Dieter Steyer