Rechtsextremismus : Keine Ruhe

Seit Jahren kämpft der Zossener Jörg Wanke gegen Neonazis, immer wieder bekam er deshalb Morddrohungen. Nun widmet ihm das ZDF eine Dokumentation - doch durch einen Anschlag gewann die an unfreiwilliger Dramatik.

Zossen
Widerständige: Jörg Wanke und seine Frau, beide gründeten die Initiative "Zossen zeigt Gesicht".Alle Bilder anzeigen
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11.02.2013 20:45Widerständige: Jörg Wanke und seine Frau, beide gründeten die Initiative "Zossen zeigt Gesicht".

Jörg Wanke musste schon viel über sich ergehen lassen. Die Aktionen der Neonazis gegen den Gründer der Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“ reichten von Schmierereien und gesprengten Briefkästen bis hin zu handfesten Morddrohungen. Seit Jahren macht sich Wanke in der brandenburgischen Kleinstadt gegen Rechtsextremismus stark. Heute Abend widmet sich eine Dokumentation im ZDF seiner Person.

Acht Monate hat Dokumentarfilmer Klaus Balzer den 46-jährigen Wanke und seine Lebensgefährtin Petra begleitet. Als die Dreharbeiten im Sommer 2012 begannen, war es gerade relativ ruhig in Zossen. Die Doku sollte zeigen, wie Wanke und seine Bürgerinitiative mittlerweile arbeiten – Jahre nach der Anschlagsreihe 2009 und dem spektakulären Brand im „Haus der Demokratie“, der bundesweit die Aufmerksamkeit auf Zossen gelenkt hatte. Doch mitten während des Drehs war es mit der Ruhe plötzlich vorbei.

Es war zwei Uhr morgens, als Wanke und seine Freundin im Oktober 2012 von einem lauten Knall aufwachten. Unbekannte hatten die gläserne Haustür des Privathauses mit einem Stein eingeschlagen und den Briefkasten gesprengt. „Ich bin sofort nach unten und auf die Straße“, erinnert sich Wanke im PNN-Gespräch. Doch die Täter waren schon weg, ein Nachbar hatte noch ein Auto wegfahren gehört. Zwei Tage zuvor war Wankes Nachbar angegriffen worden – offenbar hatten sich die Täter in der Tür geirrt. In jener Nacht wurde ganz Zossen von Hakenkreuzen übersät – Bürger fanden sie am nächsten Morgen am Holocaust-Mahnmal, an einer Brücke, an einem Einkaufsmarkt. Die Sprayer hinterließen Hinweise auf die Homepage des braunen Netzwerkes „Nationaler Widerstand Berlin“. Wanke glaubt, dass dieses auch für den Anschlag auf sein Haus verantwortlich ist. „Dass die den weiten Weg von Berlin auf sich nehmen, um einen Anschlag auf mein Privathaus zu verüben, hat mich schon beunruhigt“, sagt Wanke. Auch dass die Polizei trotz einer Belohnung von 5 000 Euro offenbar noch im Dunkeln tappt, mache ihm Sorgen.

Die Dokumentation für das ZDF bekam durch den Anschlag eine unfreiwillige Dramatik. „Der Anschlag war natürlich ein Schock, die Bedrohung war auf einmal sehr real“, sagt Filmemacher Balzer. Sowohl Wanke als auch seine Lebensgefährtin hätten sich durch das Ereignis spürbar verändert. „Sie sind vorsichtiger geworden, aber auch entschlossener“, findet Balzer.

Vor allem im Jahr 2009 hatte es schon einmal eine Reihe von Anschlägen auf Wanke gegeben. Im Zentrum der knapp 18 000-Einwohner-Stadt prangte eines Morgens der Schriftzug „Jörg Wanke stirbt bald“ und daneben „Zossen bleibt braun“. An die Fassade seines Bürohauses schmierten sie das Wort „Volksverräter“ - seitdem ist das Haus mit einem Anti-Graffiti-Lack gestrichen.

Doch dann passierte ein gutes Jahr nichts mehr. Wanke glaubt, dass dies auch mit der Verurteilung von Daniel T. zu tun hat. Er war der Kopf der Zossener Neonazi-Szene und der „Freien Kräfte Teltow-Fläming“. Diese wurden 2011 verboten, Daniel T. sitzt außerdem seit September 2012 in Haft - er wurde als Drahtzieher beim Brandanschlag auf das „Haus der Demokratie“ enttarnt (siehe Kasten). „Offenbar sind die Nazis so hierarchisch organisiert, dass ohne T. die Aktivität sehr eingeschränkt ist“, meint Wanke.

Das von Wankes Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“ gegründete „Haus der Demokratie“ war im September 2009 als Reaktion auf Neonazi-Umtriebe in der Stadt eröffnet worden. Nach dem Brand im Januar 2010 wurde es abgerissen, seitdem bemüht sich Wanke um einen neuen Standort. Doch immer wieder stößt er dabei auf Widerstand. So hatten er und seine Mitstreiter von der Bürgerinitiative bereits ein Haus in Aussicht. Unter der Regie des damaligen Landrats von Teltow-Fläming, Peer Giesecke (SPD), hatte der Kreis das seit 15 Jahren leer stehende Haus in Zossen gekauft und der Bürgerinitiative zur Verfügung gestellt. Als die Mitglieder schon mit dem Entkernen begonnen hatten, grätschte plötzlich das Rathaus dazwischen. Sie übte das Vorkaufsrecht der Stadt aus und verkündete, die Immobilie für ein „Haus der Vereine“ nutzen zu wollen. Das war vor über zwei Jahren, noch ist in der Baracke nichts passiert.

Für Wanke ist dieser Gegenwind von der Stadt nichts Neues. Schon im November 2011 hatte Bürgermeisterin Michaela Schreiber (Listenvereinigung Plan B) mit der Aussage Empörung ausgelöst, Zossen sei keine Hochburg von Rechtsextremisten. Die Bürgerinitiative habe „die Situation erst aufgeheizt“ und ein „übersichtliches Problem“ unnötig aufgebauscht. Tatsächlich zählte die Polizei einem Sprecher zufolge im Jahr 2010 in Zossen 19 Fälle rechtsextrem motivierte Straftaten - für eine Stadt dieser Größe eine „nicht unerhebliche Zahl“. Von einem Schwerpunkt rechter Gewalt könne man aber nicht sprechen. 2011 wurden acht rechte Taten gezählt, für 2012 wird ein ähnlich hoher Wert erwartet.

Der erneute Verlust des „Hauses der Demokratie“ nahm viele Mitglieder der Bürgerinitiative emotional sogar noch stärker mit als der Brandanschlag, wie Wanke sagt. „Wir haben von der Stadt keinen Cent gefordert, und trotzdem wurden uns Steine in den Weg gelegt.“ Einige hätten sich anschließend frustriert abgewandt. Doch Wanke denkt nicht daran, aufzuhören. Gemeinsam mit dem noch verblieben „aktiven Kern“ aus etwa 15 Leuten will er weiter für das „Haus der Demokratie“ und ein nazifreies Zossen kämpfen. Derzeit haben sie wieder eine Immobilie im Auge, doch allein der Kauf würde 90 000 Euro kosten - hinzu kommen Sanierungskosten. Landrat Giesecke, der laut Wanke immer entschieden zur Bürgerinitiative gestanden hatte, kann nun nicht mehr helfen - er wurde wegen des Vorwurfs der Korruption im Dezember 2012 abgewählt.

„Ich lass’ mich nicht vertreiben“, Dienstag, 22. 15 Uhr, ZDF

 

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